Elfriede Jelinek

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Elfriede Jelinek (* 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark) ist eine österreichische Schriftstellerin, die in Wien und München lebt. Im Jahr 2004 erhielt sie den Literaturnobelpreis für "den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen".

Elfriede Jelinek schreibt mit einem Zorn gegen Missstände (genauer gesagt: Mißstände, denn sie verabscheut die Rechtschreibreform von 1996) im öffentlichen, politischen aber auch im privaten Leben der österreichischen Gesellschaft, wie ihn auch Thomas Bernhard zum Ausdruck brachte. Dabei benutzt sie einen sarkastischen, provokanten Stil, der von ihren Gegnern, aber auch ihr selbst mitunter als obszön, blasphemisch, vulgär oder höhnisch beschrieben wird.

Seit Jahren tobt eine heftige Kontroverse zwischen denen, die durch ihre Texte und auch ihre öffentlich kundgetane politische Meinung bis hin zur Schmähung und Aggressivität provoziert werden, und jenen, die sie als Sprachkünstlerin feiern.

Zitat aus: Die Kinder der Toten, Reinbek (1997), S. 35:

Ja, die Natur mit ihren Nackenschlägen. Wenn man nicht genug geübt hat, ihrer Witterung zu entspringen, dann sind Autos mit Blaulicht hinter einem her. Der Natur werden wirs jetzt einmal zeigen! Edgar nimmt heute nicht das Mountainbike, er nimmt das Rollbrett. Im Sommer ist man leider eingeschränkt, was die Geräte betrifft, die einen ertragen können. Dafür ertragen einen, hat man sich erst ausgezogen, Menschen, die sich selber fast ganz ausgezogen haben. Manche vermögen in andere einzudringen, aber besonders weit kommen sie dabei nicht. Edgar kam hierher, lachte, tanzte und glitt dahin, für einen Verstorbenen gar nicht schlecht. Zieht er heute die zerfetzten Jeans an oder die andere Hose, die Haut vortäuscht, wo doch schon der Mensch anfängt? Aha, die Radlerhose zieht er an, eigentlich ist das ein Trägervereinstrikot, auf dem prompt große Ziffern, farbige Streifen, bunte Symbole und scharfgeschliffene Blicke auf und ab spazieren und immer wieder abgleiten auf diesem hügeligen Hang aus Helanca, sie gleiten und wirbeln wie Schneeflocken, diese Blicke, aber sie müssen nach unten und auf ihre Glut aufpassen, die sie hegen, damit sie nicht ausgeht, und das auch noch ohne uns.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Elfriede Jelinek wird 1946 in Mürzzuschlag geboren. Ihre Mutter Olga, geb. Buchner, stammt aus dem Wiener Großbürgertum und erhält die Familie längere Zeit durch ihre Tätigkeit als Buchhalterin. Ihr Vater Friedrich Jelinek ist Chemiker und jüdisch-tschechischer Abstammung. Sein "kriegsdienlicher" Beruf bewahrt ihn vor Verfolgung unter dem NS-Regime; ihm wird ein Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie zugewiesen. Friedrich Jelinek erkrankt während der 50er Jahre psychisch; während der sechziger Jahre lebt er in zunehmend verwirrtem Zustand zuhause. Er stirbt 1969 in einer psychiatrischen Klinik in völliger geistiger Umnachtung.

Um Jelineks Erziehung kümmert sich die Mutter. Jelinek kommt in einen katholischen Kindergarten und danach in eine Klosterschule, die sie als äußerst restriktiv empfindet (Essay "In die Schule gehen ist wie in den Tod gehen"). Ihr auffälliger Bewegungsdrang bringt sie auf Anraten der Nonnen in die Kinderpsychiatrie, obwohl ihr Verhalten aus medizinischer Sicht im Bereich der Norm bleibt. Abgesehen davon plant die Mutter die Karriere ihrer Tochter als musikalisches Wunderkind, und Jelinek erhält bereits in der Volksschule Klavier-, Gitarre-, Flöten-, Geigen- und Bratschenunterricht. Mit 13 wird sie ins Konservatorium der Stadt Wien aufgenommen und studiert dort Orgel, Klavier und Blockflöte. Parallel dazu absolviert sie die Mittelschulausbildung an einem öffentlich-rechtlichen Gymnasium.

In der Tradition der Wiener Gruppe führt Jelinek für sich die Kleinschreibung ein.

Nach der Matura erfolgt der erste psychische Zusammenbruch; sie inskribiert jedoch für einige Semester Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft, bis sie 1967 das Studium durch Angstzustände gezwungen abbricht und ein Jahr lang zu Hause in völliger Isolation verbringt. Während dieser Zeit beginnt sie zu schreiben; ihre ersten Gedichte werden in Zeitschriften und kleinen Verlagen gedruckt, der erste Roman bukolit (1968) bleibt allerdings bis 1979 unveröffentlicht. Nach dem Tod ihres Vaters beginnt sie sich zu erholen; sie engagiert sich im Umfeld der 68er-Bewegung und lebt für einige Monate lang in einer linken Wohngemeinschaft u.a. mit Robert Schindel.

1971 schließt sie die Orgelprüfung am Konservatorium bei Leopold Marksteiner ab. Maßgeblich für ihr weiteres literarisches Schaffen ist in dieser Zeit die Auseinandersetzung mit den Theorien von Roland Barthes, welche sie in dem Essay die endlose unschuldigkeit verarbeitet. 1972 lebt sie mit Gert Loschütz in Berlin, kehrt im Jahr darauf aber wieder nach Wien zurück. 1974 tritt sie der KPÖ bei und engagiert sich beim Wahlkampf sowie bei Kulturveranstaltungen. Im selben Jahr heiratet sie Gottfried Hüngsberg. Dieser schreibt zu dieser Zeit Filmmusik für Rainer Werner Fassbinder, ist jedoch seit Mitte der 70er als Informatiker in München tätig.

Seit der Heirat lebt Elfriede Jelinek abwechselnd in Wien und München. Der literarische Durchbruch gelingt ihr 1975 mit dem Roman die liebhaberinnen, der marxistisch-feministischen Karikatur eines Heimatromans. Vor allem in den 70ern entstehen zahlreiche Hörspiele; Anfang der 80er erscheinen die Ausgesperrten als Hörspiel, Roman und schließlich auch als Film mit Paulus Manker.

Der erste große Skandal um Jelinek wird 1983 durch die Uraufführung von Burgtheater heraufbeschworen. Das Drama setzt sich mit der mangelhaften NS-Vergangenheitsbewältigung in Österreich auseinander, mit der Vergangenheit der Schauspielerin Paula Wessely im Mittelpunkt. In der öffentlichen Wahrnehmung erscheint der Text jedoch reduziert auf persönliche Anspielungen auf damalige prominente Mitläufer/innen. Jelineks Ruf als Nestbeschmutzerin beginnt sich zu festigen. Im gleichen Jahr erscheint der Roman Die Klavierspielerin. In den Rezensionen überwiegt jedoch die biographische Deutung; die Auseinandersetzung mit dem Text tritt in den Hintergrund.

Das nächste aufsehenerregende und das bestverkaufte Werk ist Lust. Jelineks Auseinandersetzung mit der feministischen Pornografiedebatte der 80er Jahre wird im Vorfeld als "weiblicher Porno" vermarktet; die Kritiken bewegen sich am Text und am Thema vorbei.

1991 tritt Jelinek wieder aus der KPÖ aus.

Nachdem das Theaterstück Raststätte eine ähnliche Rezeption wie Lust erfährt und nach persönlichen Angriffen auf die Autorin auf Wahlplakaten der Wiener FPÖ 1995 gibt Jelinek ihren Rückzug aus der österreichischen Öffentlichkeit bekannt und erlässt ein Aufführungsverbot ihrer Stücke für die Staatstheater.

Die Rückkehr ans Burgtheater dauert pro Nachmittag/Abend ganze sechs Stunden: 1998 inszeniert Einar Schleef das Sportstück. Das zweite Aufführungsverbot folgt jedoch 2000 bei der schwarz-blauen Regierungsbildung in Österreich. Andere Texte Jelineks nehmen konkret auf die aktuelle Tagespolitik Bezug; bei einer regierungskritischen Kundgebung wird Das Lebewohl. Ein Haider-Monolog verlesen. Die im selben Jahr entstandene Textmontage Ich liebe Österreich kritisiert den Umgang mit Asylwerbern. 2003 inszeniert Christoph Schlingensief am Burgtheater Bambiland. Im selben Jahr hat Olga Neuwirths Musiktheater "Lost Highway" Premiere; das Libretto stammt von Elfriede Jelinek.

Auszeichnungen und Preise

Werke

Romane

  • bukolit. hörroman; Wien 1979
  • wir sind lockvögel baby!; Reinbek 1970
  • Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft; Reinbek 1972
  • Die Liebhaberinnen; Reinbek 1975
  • Die Ausgesperrten; Reinbek 1980
  • Die Klavierspielerin; Reinbek 1983
  • Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr; Reinbek 1985
  • Lust; Reinbek 1989
  • Die Kinder der Toten; Reinbek 1997
  • Gier; Reinbek 2000

Dramen

  • Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte; 1977
  • Clara S.; 1981
  • Krankheit oder Moderne Frauen; 1984
  • Burgtheater; 1985
  • Präsident Abendwind; 1987
  • Wolken.Heim; 1988
  • Totenauberg; 1991
  • Raststätte; 1994
  • Stecken, Stab und Stangl; 1996
  • Ein Sportstück; 1998
  • er nicht als er; 1998
  • Das Lebewohl; 2000
  • In den Alpen; 2002
  • Das Werk; 2003
  • Prinzessinnendramen
  • Bambiland; 2003

Übersetzungen

Drehbücher

Verfilmungen

Literatur

  • Gürtler, Christa (Hrsg.): Gegen den schönen Schein: Texte zu Elfriede Jelinek. Verlag Neue Kritik 1990. ISBN 3-8015-0235-X
  • Yasmin Hoffmann: Elfriede Jelinek: Sprach- und Kulturkritik im Erzählwerk. Westdeutscher Verlag 1999. ISBN 3-531-13268-7
  • Janz, Marlies: Elfriede Jelinek. Metzler-Verlag 1995. ISBN 3-476-10286-6
  • Bartens, Daniela (Hrsg.): Elfriede Jelinek: die internationale Rezeption. Literaturverlag Droschl 1997. ISBN 3-85420-452-3

Weblinks

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