Expressionismus (Literatur)

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Der Begriff Expressionismus wurde aus den beiden lateinischen Wörtern "ex" und "primere" zusammengesetzt und bedeutet "Ausdruckskunst". Es werden also innerlich gesehene Wahrheiten und Erlebnisse dargestellt, nicht die Lichtreize, wie sie auf das Auge fallen.

Den Expressionismus lässt man meist von ca. 1910 bis 1925 andauern. Doch oft wird auch gesagt, dass man diese Epoche nach hinten schlecht begrenzen kann, da nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute noch manche bedeutsamen Werke eigentlich expressionistisch sind.

Die zeitkritische, revolutionäre Denkweise ließ Dichtungen entstehen, die sogar heute noch zum Großteil Geltung haben und deren Einfluss seither bemerkbar ist. Stücke großer Autoren späterer Zeit, wie Heinrich Manns "Der Untertan", Heinrich Bölls "Verlorene Ehre der Katharina Blum", Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" oder Günter Grass? "Die Blechtrommel", lassen noch immer Einwirkungen der expressionistischen Kunst erkennen.

Inhaltsverzeichnis

Soziale und ethische Hintergründe der Entstehung des Expressionismus

An dieser Stelle sei Hermann Bahr, bedeutender Beobachter dieser Zeit, als Ausgangspunkt zitiert:

"Darum geht es, dass der Mensch sich wiederfinden will... Die Maschine hat ihm die Seele weggenommen - und jetzt will ihn die Seele wiederhaben. Darum geht es; alles, was wir erleben, ist nur der ungeheure Kampf um den Menschen, Kampf mit der Maschine.

Wir leben ja nicht mehr, wir werden gelebt... Niemals war eine Zeit von solchem Entsetzen geschüttelt, von solchem Todesgrauen. Die ganze Zeit wird ein einziger Notschrei, auch die Kunst schreit mit. Sie schreit nach dem Geist: das ist der Expressionismus!" (zit. n. Wilhelm Genzmann: "Deutsche Literatur der Gegenwart", 1953).

In diesem Kommentar steckt deutliche Kritik an der damaligen Situation: Ñ

Der expressionistische Künstler lehnt sich auf gegen eine "Enthumanisierung" durch die Industrialisierung. Er sieht sich von den Maschinen, die durch die sprunghaft wachsende Industrie allgegenwärtig sind, und durch die Autorität der Großunternehmer diktiert. Dadurch fühlt er den Menschen selbst zur Maschine funktionalisiert.

Auch die Anonymität der Großstadt bildet einen Grund, dass der Mensch den Bezug zu seinem Geist und seiner Seele verliert. Durch die technischen Erfolge kommt Selbstzufriedenheit (?) in den Menschen auf. Letztlich würde die Weiterführung dieser Gedanken zu einer Gesellschaft ohne Rücksicht und Moral führen.

Der historische Hintergrund

Die "Ausdruckskunst" wurde in eine Zeit von großen Ereignissen, Turbulenzen und vor allem in die Zeit bzw. Vorzeit der Weltkriege hineingeboren.

Unter Wilhelm II. erlebte Deutschland eine unruhige Zeit. Auf der einen Seite stand seine Vernachlässigung innenpolitischer und sozialer Probleme, auf der anderen Seite die verstärkte Militarisierung und die turbulente Außenpolitik:

Dem Dreibund Deutschlands mit Italien und Österreich-Ungarn standen zum einen der Pakt Russlands mit Frankreich, zum anderen die so genannte "Entente cordiale" Frankreichs mit Großbritannien entgegen. Als sich dann Deutschland nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgepaares in den kritischen Konflikt "verhedderte", sah sich Deutschland schließlich auch beim dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs umgeben von Gegnern.

Nach schweren Kriegsjahren waren die politischen und wirtschaftlichen Probleme Deutschlands noch lange nicht ausgestanden. Der Vertrag von Versailles 1919 mit immensen Forderungen an die Weimarer Republik bildete einen erneuten Rückschlag. Die Gebietsabtretungen, der Verlust des Auslandsvermögens und die Wiedergutmachungszahlungen stürzten die Wirtschaft in ein tiefes Loch. So sah man sich 1923 mit der Inflation, die das Vertrauen der Bürger in den Staat schwer erschütterte, an einem neuen Tiefpunkt angelangt.

Immer schwieriger nun auch eine politische Mehrheitsfindung bei der Regierungsbildung, da das Parlament immer weiter zersplitterte.

Der philosophische Hintergrund

Der Einfluss des naturwissenschaftlichen Denkens richtete sich auf die Geisteswissenschaften gelenkt unter besonderem Einfluss des französischen Philosophen Henri Bergson (1859 - 1941), der zu beweisen suchte, nur die Intuition, d.h. die innere Anschauung und nicht der "zergliederte" Verstand, könnten das Wesentliche unmittelbar erfassen.

In Deutschland und Österreich findet er Nachfolger, wie z.B. Oswald Spengler (1880 - 1936) mit seinem "Untergang des Abendlandes".

Ein Vorbild findet man vor allem im bekannten deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche. Er forderte den neuen Menschen, den so genannten "Übermenschen", dazu auf, er solle dem Neuen ungeachtet der Gefahren entgegengehen (Seiltänzer im Werk "Zarathustra").

Die Denkweise der Expressionisten, Vergleich mit dem Sturm und Drang

In der Jugend der Jahre um die Jahrhundertwende vollzog sich bald eine Aufbruchsstimmung ähnlich der des Sturm und Drangs.

Die junge Generation kritisierte die aktuelle Ordnung, sie hatte den festen Willen der Erneuerung. Revolutionär und respektlos griff sie in beiden Epochen die Vergangenheit an. Die einstigen Stürmer und Dränger jedoch klagten nur die sozialen Missstände, z.B. die Ständeordnung, an und kämpften für geistige und schöpferische Freiheit, die jungen Expressionisten hingegen suchten neben diesen Zielen vor allem die Welt vor einem bevorstehenden Chaos zu retten.

In den jungen Dichtern entbrannten düstere Visionen vom (Welten-) Ende ("Menschheitsdämmerung"). Diese Gemütslage lässt sich unschwer im Gedicht "Aufbruch der Jugend" von Wilhelm Lotz erkennen.

Die Autoren traten nun für einen kompletten Bruch mit der Vergangenheit ein und setzen sich das Ziel, sich selbst zu finden und die Welt zu retten. Zugrunde lag diesem Ziel insbesondere nach 1914 ein starker Pazifismus. Dieser bildete sich vor allem heraus, zumal ein Großteil der Dichter den Ersten Weltkrieg miterlebten und selbst als Soldaten Dienst leisteten.

Vertreter der Literatur

Man könnte denken, dass speziell die kleinbürgerlichen Schichten die ersten Vertreter der neuen Literaturrichtung stellten, denn sie waren ja die eigentlichen Opfer der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Missstände. Doch erstaunlicherweise stammen die kritischen Autoren aus bürgerlich-gebildeten Schichten und besuchten fast alle ein Gymnasium oder eine Universität. Der Hintergrund dieses scheinbaren Paradoxons ist die erstarrte Bildung, d.h., es wurden Ideale gelehrt, die schon lange nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Diese Widersprüche fielen der Jugend natürlich auf und verunsicherten ihre persönlichen Wertvorstellungen.

So kam es, dass die Karriere verdrängt wurde und sich die neuen Künstler entweder als Verkünder einer neuen Zeit verstanden oder sie sich einfach nur befreien wollten von Konventionen.

Unter den Expressionisten herrschte immer ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, so dass sich Vereinigungen wie der "Charon" bildeten. Diese gaben Zeitschriften heraus wie "Der Sturm", "Der Brenner", "Die Aktion", "Das neue Pathos" oder die berühmte Zeitschrift "Die Brücke". Letztere wurde von Karl Röttger (1877-1942) herausgegeben, um die Ideen der "Charontiker" bekanntzumachen.

In den Zeitschriften wurden wiederholt politische Thesen und sozialistische Forderungen veröffentlicht. Vielfach handelten Texte von Themen wie Frieden, Weltverbrüderung.

Nicht wenige Expressionisten fühlten sich zum Sozialismus als einem neuen Ideal hingezogen. Sie verurteilten den aufkommenden Nationalismus, in dem sie eine Bedrohung sahen.

Ab 1933 setzte eine Verfemung expressionsistischer Künstler ein. Der Nationalsozialismus machte der Kunstepoche ein jähes Ende.

Ausprägungen des Expressionismus

Der Dadaismus

Die Namensgebung: Der Legende nach wurde einmal ein Federmesser in ein deutsch-französisches Lexikon gesteckt, das den Blick auf "dada = kindliche Bezeichnung für Holzpferdchen" lenkte. Doch selbst die Dadaisten waren sich nicht einig, was Dada bedeutet. Zum 50. Jubiläum des Dadaismus schrieb Hans Arp folgende Verse zur Titelfrage:

"Vor 50 Jahren war dada da,
da dada da war,
eh dada da war,
war dada da
als dada da war." Blabla

So "unvernünftig", wie dieser Titel also ist, so "ohne Vernunft" war auch das Denken der Dadaisten. Man war der Meinung, dass die menschliche "Vernunft" es so weit gebracht hatte, dass sich beispielsweise die Völker in Kriegen vernichteten. Deshalb verlangten die Schriftsteller eine "Rückkehr der menschlichen Naivität" und einen "Verzicht auf jede Logik". Ohne Zweifel sind diese Forderungen auch im Schreibstil der Dadaisten erkennbar. Oft wurden Worte oder Sätze ohne logischen und grammatischen Zusammenhang aneinandergereiht oder das Ergebnis eines Werkes war absurd und aussagelos.

Kurt Schwitters Titelgedicht zu "An Anna Blume" (1919) gipfelte beispielsweise einmalig und völlig unerwartet in der erschütternden Feststellung:

"Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen, du bist von hinten wie von vorne: »a-n-n-a«."

Äußerst interessant sind auch Kurt Schwitters so genannte "visuelle Gedichte", die nicht durch ihren Inhalt, sondern durch den Einfall und das Arrangement glänzen.

Arbeiterdichtung

Auch die Arbeiter wollten an der Zeit des Frühexpressionismus teilhaben. Sie betonten in ihrer Dichtung ihren Stolz und ihr Selbstbewußtsein und bekannten sich zu ihrer Arbeit.

Sie dachten kommunistisch und ordneten sich in die Gesamtheit des Volkes ein.

Die Träger der Arbeiterdichtung waren u.a. Alfons Petzold, Heinrich Lersch und Jakob Kneip.

Die expressionistische Prosa

Die Erzählkunst des Expressionismus ist von eher geringer Bedeutung. Denn die wohlüberlegte Struktur eines epischen Werkes stand der Ausdruckskunst gegensätzlich gegenüber und es fiel schwer, das eigene Fühlen zum Ausdruck zu bringen. Autoren wie Klabund (eigentlich Alfred Henschke) und Kasimir Edschmid versuchten sich zwar in der expressionistischen Epik, doch hatten sie nur mit wenigen dieser Werke Erfolg. Bekannt sind lediglich Klabunds "Kreidekreis", zudem "Moreau" und sein "Mohammed", Leonhard Frank schrieb "Die Räuberbande". Der wichtigste Erzähler der Zeit, Alfred Döblin (1878-1957), erlangte durch den Roman "Berlin Alexanderplatz" Weltruhm.

Das dramatische Schaffen des Expressionismus

Im Drama konnten expressionistische Schriftsteller ihre Ideen der Wandlung wirkungsvoll demonstrieren. Daher übernahm es damals neben der beherrschenden Lyrik eine wichtige Rolle. Die Geburt des neuen, gewandelten Menschen wurde gezeigt und als Beispiel dargestellt (z.B. "Die Wandlung" von Ernst Toller).

Unterstützt wird das Drama durch Musik, Tanz, Pantomime, Bühnenbild und Lichteffekte. Die Personen werden nicht als individuelle Wesen, sondern typisiert dargestellt ("Mann", "Frau", "Tochter" ...). Die Charaktere werden oft übersteigert oder grotesk verzerrt, um die Seele aufzudecken; oftmals fehlt die Ausgestaltung der individuellen Wesenszüge. Meist wurde als Hauptfigur ein junger Mensch ins Zentrum gesetzt, der Konflikte mit den Schicksalsgewalten, mit der engstirnigen Gesellschaft oder mit dem eigenen Vater austrug.

Die expressive Lyrik

Am besten waren die Gedanken der "Epoche des Ausdrucks" in der Lyrik auszudrücken. In ihr konnten die Probleme besonders klar schon von der Wurzel angesprochen werden. Ausdrucksfülle sollte die unmittelbaren, nicht selten anklagenden Gefühle mitteilen.

Bedeutend für die expressionistischen Dichter war nicht die eigene Situation und persönliche Schwierigkeiten, also nicht die eigene Persönlichkeit, sondern die Beziehungen aller Menschen untereinander. Fortlaufend wurde an Humanität, Menschenliebe (so u.a. in Gottfried Benns "Der Weltfreund") und Frieden appelliert; Krieg, (Völker-) Hass und Tod waren dagegen, insbesondere für die kriegsteilnehmenden Dichter, "Horrorvision" und Angriffspunkt (Gedichte wie "Der Krieg" von Georg Heym, s. 14.).

Kennzeichen expressionistischer Lyrik

Die bedeutendsten Autoren und wichtige Werke des Expressionismus

Die Dramatiker

Die Lyriker

Vertreter anderer literarischer Richtungen, die zunächst unter dem Einfluss des Expressionismus standen, sich dann abwandten oder ihm nicht eindeutig zuzuordnen sind:

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