Heinrich Heine

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Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Harry Heine; † 17. Februar 1856 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter und Journalisten des 19. Jahrhunderts.

Heinrich Heine

Heine war zugleich romantischer Dichter und Überwinder der Romantik. Er machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Sprache eine selten gekannte stilistische Leichtigkeit und Eleganz. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war er ebenso bewundert wie gefürchtet. Er gehört zu den meistübersetzten Dichtern deutscher Sprache.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Jugend und Lehrjahre

"Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Mute. Ich bin dort geboren und es ist mir, als müsste ich gleich nach Hause gehn. Und wenn ich sage nach Hause gehn, dann meine ich die Bolkerstraße und das Haus worin ich geboren bin", schrieb Heinrich Heine 1827 in Ideen. Das Buch Le Grand.

Während über Heines Geburtsort kein Zweifel besteht, lässt sich sein genaues Geburtsdatum nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Alle zeitgenössischen Akten, die darüber Auskunft geben könnten, sind im Laufe der letzten 200 Jahre verloren gegangen. Nach heutigem Forschungsstand gilt aber als gesichert, dass Harry Heine - so sein Geburtsname - am 13. Dezember 1797 zur Welt kam.

Harry war das älteste von vier Kindern des Tuchhändlers Samson Heine und seiner Frau Betty (eigentlich: Peira), geborene van Geldern. Er wuchs in einem aufgeklärten, weitgehend assimilierten jüdischen Elternhaus auf und besuchte das von spätaufklärerischem Geist geprägte Düsseldorfer Lyzeum. Schon als Schüler schrieb Harry erste Gedichte. 1814 verließ er ohne Abgangszeugnis das Lyzeum. Der Familientradition folgend, sollte er sich an einer Handelsschule auf einen kaufmännischen Beruf vorbereiten.

In den Jahren 1815 und 1816 arbeitete Heine als Volontär zunächst bei dem Frankfurter Bankier Rindskopff, dann im Bankhaus seines wohlhabenden Onkels Salomon Heine in Hamburg. Salomon, der im Gegensatz zu seinem Bruder Samson, geschäftlich höchst erfolgreich war, nahm sich des Neffen an und unterstützte ihn trotz allen Unverständnisses für dessen literarische Interessen ("Hätt' er gelernt was Rechtes, müsst er nicht schreiben Bücher") bis zu seinem Tod im Jahr 1845 finanziell.

Da Harry weder Neigung noch Talent für Geldgeschäfte mitbrachte, richtete Salomon seinem Neffen schließlich ein Tuchgeschäft ein. Aber auch "Harry Heine & Co." ging in kürzester Zeit bankrott. Der Inhaber widmete sich schon damals lieber der Dichtkunst. Dem Familienfrieden nicht eben zuträglich war auch Harrys unglückliche Liebe zu seiner Cousine Amalie. Die unerwiderte Zuneigung verarbeitete er später in den romantischen Liebesgedichten im Buch der Lieder.

Studium in Göttingen und Berlin

Obwohl Heine sich auch für die Rechtswissenschaft nicht sonderlich interessierte, nahm er 1819 ein Jurastudium auf. Zunächst schrieb er sich in Bonn ein, wo u.a. August Wilhelm Schlegel zu seinen Dozenten gehörte.

Im Wintersemester 1820 ging er an die Universität Göttingen, wo er sich der Studentenverbindung (heute Corps) Guestphalia anschloss. Aber schon im Februar 1821 war er gezwungen, sowohl die Universität als auch die Verbindung wieder verlassen. Ursache dafür war eine Duellaffäre: Heine, der seine Herkunft damals möglichst zu verbergen suchte, war von einem Komilitonen wegen seines Judentums beleidigt worden und hatte diesen zum Duell gefordert. Die Universität relegierte ihn daher für ein Semester. Unmittelber darauf schloss ihn auch die Verbindung aus, wegen "unkeuschen Verhaltens". Heine hatte tatsächlich ein Bordell besucht. Da dies aber unter den Studenten seiner Zeit durchaus üblich war, sehen einige Biographen in der Begründung nur einen Vorwand, hinter dem sich in Wahrheit antisemitische Motive verbargen.

Nach dieser Affäre ging Heine nach Berlin. Dort studierte er von 1821-1823 und hörte u.a. Vorlesungen bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Bald fand er Kontakt zu den literarischen Zirkeln der Stadt, und war u.a. regelmäßiger Gast im Salon von Rahel Levin und Karl August Varnhagen von Ense. Von Berlin aus unternahm er 1822 eine Reise nach Posen.

Taufe und Platen-Affäre

Wieder in Göttingen, promovierte Heine 1825 zum Doktor der Rechte. Kurz zuvor ließ er sich protestantisch taufen, nahm den Vornamen Christian Johann Heinrich an und nannte sich von da an Heinrich Heine. Vor seiner Familie versuchte er die Taufe möglichst geheim zu halten. Religiös eher indifferent, betrachtete er den Taufschein ohnehin nur als "Entreebillet zur europäischen Kultur". Doch er musste feststellen, dass viele Träger dieser Kultur auch einen getauften Juden wie ihn nicht als ihresgleichen akzeptierten. Als der Dichter August Graf von Platen ihn wegen seiner jüdischen Geburt öffentlich angriff, schreckte Heine nicht davor zurück, nun seinerseits die Homosexualität Platens publik und diesen damit gesellschaftlich unmöglich zu machen. Seinen Übertritt zum Christentum hat Heine später mehrfach ausdrücklich bedauert, nicht zuletzt weil es ihm in den Folgejahren trotz aller Bemühungen - unter anderem in München - nicht gelang, eine Anstellung im Staatsdienst zu finden. So entschloss er sich, für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich, seinen Lebensunterhalt als freischaffender Schriftsteller zu verdienen.

Erste literarische Erfolge

Loreley-Brunnen (Heine-Denkmal) in der Bronx
Heines erste Gedichte waren bereits 1822 erschienen. 1823 folgte Lyrisches Intermezzo bei Julius Campe. Der Hamburger sollte bis zu Heines Tod dessen Verleger bleiben. 1824 erschien die Sammlung Dreiunddreißig Gedichte, darunter Heines in Deutschland wohl populärstes Werk: Die Loreley. Im selben Jahr besuchte er während einer Harzreise den von ihm hoch verehrten Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Zwei Jahre zuvor hatte er dem Geheimrat seinen ersten Gedichtband mit einer Widmung zugesandt. Der Besuch verlief für Heine aber eher enttäuschend, da er sich - ganz im Gegensatz zu seinem Naturell - befangen und linkisch zeigte und Goethe ihm nur höflich-distanziert begegnete.

Im Jahr 1826 veröffentlichte Heine den Reisebericht Harzreise und im Oktober 1827 seinen bis heute populären Lyrikband Buch der Lieder. Der romantische, oft volksliedhafte Ton dieser und späterer Gedichte traf den Nerv nicht nur seiner Zeit. Verse wie Im wunderschönen Monat Mai oder Ein Junge liebt ein Mädchen bringt bei Lesern des 21. Jahrhunderts die gleiche Saite zum Schwingen wie bei den Zeitgenossen Heines.

Im Laufe der Jahre überwand Heinrich Heine den romantischen Ton aber zusehends, indem er ihn ironisch unterlief und die Stilmittel des romantischen Gedichts auch für Verse politischen Inhalts nutzte. Er selbst nannte sich einen "entlaufenen Romantiker". Hier ein Beispiel für die ironische Brechung:

Das Fräulein stand am Meere
und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang.
Mein Fräulein! Sein sie munter,
das ist ein altes Stück;
hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.

Heine selbst erlebte das Meer zum ersten Mal in den Jahren 1827 und 1828 auf Reisen nach England und Italien. Seine Eindrücke schilderte er in weiteren Reisebildern, die er zwischen 1826 und 1831 veröffentlichte. Dazu gehören z. B. der Zyklus Nordsee und die Werke Die Bäder von Lucca und Ideen. Das Buch Le Grand, letzteres ein Bekenntnis zu Napoleon und den Errungenschaften der Französischen Revolution. In dieser Zeit wurde Heine allmählich als großes literarisches Talent wahrgenommen. Seit Anfang der 1830er Jahre verbreitete sich sein Ruhm in Deutschland und Europa.

Pariser Jahre

Wegen seiner politischen Ansichten zunehmend angefeindet - vor allem in Preußen - und der Zensur in Deutschland überdrüssig, ging Heinrich Heine 1831, nach dem Ausbruch der französischen Julirevolution, nach Paris. Hier begann seine zweite Lebens- und Schaffensphase. Zeit seines Lebens sollte Heine sich nach Deutschland sehnen, wie sein bewegendes Gedicht In der Fremde belegt:

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.
Das küsste mich auf deutsch und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut es klang) das Wort: "Ich liebe dich!"
Es war ein Traum.

Doch er sollte dieses Vaterland nur noch zweimal wiedersehen. Endgültig wurde Paris zu Heines Exil, als seine Werke - auch alle zukünftigen - 1833 in Preußen und 1835 auf Beschluss des Frankfurter Bundestages in allen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes verboten wurden. Das gleiche Schicksal traf die Dichter des Jungen Deutschland. Im Beschluss des Bundestages hieß es, die Mitglieder dieser Gruppe zielten darauf ab, "in belletristischen, für alle Klassen von Lesern zugänglichen Schriften die christliche Religion auf die frechste Weise anzugreifen, die bestehenden Verhältnisse herabzuwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören."

Für Heine tat sich aber schon 1832 eine neue Einnahmequelle als Pariser Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung von Johann Friedrich Cotta auf, dem Verleger Schillers und Goethes. Seine Zeitungsartikel aus dieser Zeit veröffentlichte er 1833 in Buchform unter dem Titel Französische Zustände.

Im selben Jahr zeigten sich die ersten Symptome der Krankeit - Lähmungserscheinungen, Kopfschmerzattacken und Sehschwächen - die ihn am Ende seines Lebens acht Jahre ans Bett fesseln sollte.

Zunächst aber genoss er das Leben in Paris. Er begegnete etwa dem utopischen Sozialisten Saint-Simon und Größen des französischen und deutschen Kulturlebens wie Hector Berlioz, Ludwig Börne, Frédéric Chopin, George Sand, Alexandre Dumas und Alexander von Humboldt.

Die Weltstadt inspirierte Heine in den folgenden Jahren zu einer Flut von Essays, politischen Artikeln, Polemiken, Denkschriften, Gedichten und Prosawerken. In Schriften wie Französische Zustände (1832) versuchte er, den Deutschen Frankreich und den Franzosen Deutschland näher zu bringen. Dabei gelangen ihm Analysen von nahezu prophetischer Qualität, beispielsweise im Schlusswort von Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Heine schrieb diesen Text 1834 an die Adresse der Franzosen, 99 Jahre vor der Machtergreifung jener, die auch seine Bücher verbrennen sollten:

Das Christentum - und das ist sein schönstes Verdienst - hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut(...) Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in den fernsten Wüsten Afrikas werden sich in ihre königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.

Früher als die meisten erkannte Heine den zerstörerischen Zug im deutschen Nationalismus, der sich - anders als der französische - nicht mit den Ideen von Demokratie und Volkssouveränität verband. Der Dichter spürte in ihm einen untergründigen Hass auf alles Fremde:

Aber wir verstehen uns bass,
Wir Germanen auf den Hass.
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelberger Fass.

Weitere wichtige Werke jener Jahre waren auch Die romantische Schule (1836), Über Ludwig Börne (1840) und das Romanfragment Der Rabbi von Bacharach (1840). Im Jahr 1841 heiratete Heine die Schuhverkäuferin Eugenie Crescentia Mirat, die er seit 1834 kannte. Eines mochte er an Mathilde, wie er sie liebevoll nannte, ganz besonders: dass sie kein Wort deutsch sprach und selbst nach langen Ehejahren keinen wirklichen Begriff davon hatte, mit welch bedeutendem Dichter sie verheiratet war.

1843 schrieb Heine sein Gedicht Nachtgedanken, das mit den oft zitierten Worten beginnt:

Denk' ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Heine raubten in dem Gedicht allerdings weniger die politischen Zustände in Deutschland den Schlaf, sondern die Sorge um seine dort allein lebende, alte Mutter [1]. Nicht zuletzt um sie wiederzusehen und ihr seine Frau vorzustellen, unternahm Heinrich Heine 1843 und 1844 seine zwei letzten Reisen nach Deutschland. Dabei lernte er auch Karl Marx und Ferdinand Lassalle kennen. Später arbeitete Heine an Marx' Zeitschriften Vorwärts! und Deutsch-Französische Jahrbücher mit.

Trotz seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Marx wurde Heine nie zum Marxisten. Er sah, dass die Anliegen der entstehenden Arbeiterschicht ihre Berechtigung hatten und unterstützte sie, war sich aber zugleich bewusst, dass der Materialismus und die Radikalität der kommunistischen Idee vieles von der europäischen Kultur vernichten würde, was er liebte und bewunderte. Ausdruck dieser Haltung ist sein Gedicht "Die Wanderratten", in dem es heißt:

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.
...
Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.
Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.
Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.
So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt. (...)


Mitte der 40er Jahre entstanden auch Heines große Versepen Atta Troll und - angeregt durch seine zweite Reise - Deutschland. Ein Wintermärchen. Darin ging er mit Staat, Kirche und Gesellschaft Deutschlands äußerst bissig ins Gericht und versprach ganz im Sinne Marxens:

Ein neues Lied, ein besseres Lied
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Mit den neuen Liedern fing Heine gleich an und brachte 1844 die Lyriksammlung Neue Gedichte heraus.

Zu Beginn der 40er Jahre radikalisierte sich Heines Ton zusehends. Er gehörte zu den ersten deutschen Dichtern, die die Folgen der einsetzenden Industrialisierung zur Kenntnis nahmen und das Elend der neu entstandenen Arbeiterklasse in ihren Werken aufgriffen. Beispielhaft dafür ist sein Weberlied von 1844, das als Flugblatt weite Verbreitung fand. Ein Auszug:

Im bittern Auge keine Träne,
sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne;
Alt-Deutschland, wir weben dein Leichentuch.
Wir weben hinein den dreifachen Fluch.
Wir weben! Wir weben!
(...)
"Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
den unser Elend nicht konnte erweichen,
der uns den letzten Groschen erpresst
und uns wie Hunde erschießen lässt!
Wir weben! Wir weben! (...)

Im Jahr 1846 wurde ein Rezitator, der es gewagt hatte, dieses Gedicht öffentlich vorzutragen, in Preußen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Die gescheiterte Revolution

Als überzeugter Demokrat begrüßte Heine 1848 die Revolutionen in ganz Europa, wandte sich aber von der Entwicklung in Deutschland bald enttäuscht ab. Seiner Ansicht nach geriet die Revolution hier bald auf ein falsches Gleis. In dem Gedicht Michel nach dem März schrieb er:

Doch als die schwarz-rot-goldene Fahn,
Der altgermanische Plunder,
Aufs neue erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Märchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.
Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn
Die Helden aus anderen Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nahn
Und für den Kaiser streiten.
Die Burschenschaftler allesamt
Aus meinen Jünglingsjahren,
Die für den Kaiser sich entflammt,
Wenn sie betrunken waren (...)

Vollends resigniert hieß es im Jahr darauf in Im Oktober 1849:

Gelegt hat sich der starke Wind
und wieder wird's stille daheime.
Germania, das große Kind
erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume.

Matratzengruft

Im selben Monat, in dem die Revolution in Paris ausbrach, im Februar 1848, erlitt Heine einen Zusammenbruch. Sein Nervenleiden, das sich seit 1845 zusehends verschlimmert hatte, warf ihn nun endgültig aufs Krankenlager. Heine selbst war der Überzeugung, an Syphillis zu leiden, sein gut dokumentierter Krankheitsverlauf lässt allerdings eher auf Multiple Sklerose schließen. Fast vollständig gelähmt, sollte er die acht Jahre bis zu seinem Tod in der von ihm so bezeichneten "Matratzengruft" verbringen.

Bereits vorher war Heine zu einer milderen Beurteilung der Religion gelangt und bekannte sich in seinem Testament von 1851 zum Glauben an einen persönlichen Gott, ohne sich aber einer Kirche oder dem Judentum wieder anzunähern. In seinem Testament heißt es:

Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession angehöre, wünsche ich nicht, daß die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem Begräbnisse eingeladen werde; ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern. Dieser Wunsch entspringt aus keiner freigeistigen Anwandlung. Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt ...

In seiner Schrift "Geständnisse" von 1854 stellte er noch einmal fest:

Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgendeiner Kirche oder gar in ihren Schoß geführt. (...) Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe und Freundschaft.

Heines geistige Schaffenskraft ließ auch in den qualvollen Jahren des Krankenlagers nicht nach. Da er nicht mehr selbst schreiben konnte, diktierte er seine Verse und Schriften einem Sekretär. So veröffentlichte er im Oktober 1851 den Gedichtband Romanzero und 1854 sein politisches Vermächtnis Lutetia.

Trotz seines Leidens kamen Heine Humor und Leidenschaft nicht abhanden. Die letzten Monate seines Lebens erleichterten ihm die Besuche seiner Verehrerin Else Krinitz aus Prag, die er zärtlich "Mouche" nannte. Sie wurde zu seiner "angebeteten Lotosblume". Diese Anbetung konnte jedoch wegen seiner Hinfälligkeit nur noch auf geistiger Ebene stattfinden, was Heine selbstironisch mit den Versen kommentiert:

Worte! keine Taten!
Niemals Fleisch geliebte Puppe.
Immer Geist und keinen Braten,
Keine Knödel in der Suppe.


Dass er das Leben liebte, dem Tod aber gleichwohl tapfer ins Auge sah, zeigt sein Gedicht Epilog:

Unser Grab erwärmt der Ruhm.
Torenworte! Narrentum!
Eine bessre Wärme gibt
eine Kuhmagd, die verliebt
uns mit dicken Lippen küsst
und beträchtlich riecht nach Mist (...)

Am 17. Februar 1856 hatte Heinrich Heine ausgeküsst und ausgesungen. Drei Tage später wurde er auf dem Friedhof Montmartre beerdigt, wo nach dem ausdrücklichen Willen des Dichters 27 Jahre später auch Mathilde ihre letzte Ruhe fand. Das im Jahre 1901 erstellte Grabmal ziert eine von dem dänischen Bildhauer Louis Hasselriis stammende Marmorbüste Heines und sein Gedicht Wo?:

Datei:Heine-Grab.jpg
Heines Grabbüste auf dem Friedhof Montmartre in Paris
Wo wird einst des Wandermüden
letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste
eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
eines Meeres in dem Sand?
Immerhin, mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier.
Und als Totenlampen schweben
nachts die Sterne über mir.

Lebenschronik

  • 1797 Geburt in Düsseldorf am 13. Dezember
  • 1803 Einschulung
  • 1807-1814 Düsseldorfer Lyzeum, Abgang ohne Abitur; anschließend Handelsschule
  • 1815 Banklehre in Frankfurt am Main
  • 1816 Volontär im Bankhaus des Onkels Salomon Heine in Hamburg
  • 1817 Erste Publikationen: Traumbilder, Romanzen
  • 1819-1825 Jurastudium in Bonn, Göttingen und Berlin
    • Beginn des Studiums in Bonn WS 1819/20
    • 1820: Wechsel nach Göttingen, dort am 27. Januar 1821 "consilium abeundi" (Relegation wegen eines Duells)
    • ab 1821: Studium in Berlin, Teilnahme am literarischen Leben
  • 1820 erste Prosaarbeit Romantik im Rheinisch-Westfälischen Anzeiger
  • 1821 Berlin, erster Gedichtband
  • 1822 Mitglied im Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden; Reise nach Posen
  • 1824 Harzreise; Besuch bei Goethe
  • 1825 evangelisch-lutherische Taufe in Heiligenstadt, Namensänderung zu Heinrich Heine; Promotion in Göttingen über Straf- und Zivilrecht
  • 1826 Reisebilder, Teil I erscheint bei Campe
  • 1827 Reisebilder, Teil II, Buch der Lieder; Englandreise; Übersiedlung nach München
  • 1828 Italienreise; Tod des Vaters
  • 1831 Übersiedlung nach Paris
  • 1832 Pariser Korrespondent für Cottas Augsburger Allgemeine Zeitung; beginnendes Nervenleiden
  • 1833 Verbot von Heines Schriften in Preußen
  • 1834 Begegnung mit Eugenie Crescentia Mirat (genannt Mathilde); Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland
  • 1835 Verbot der Schriften Heines und des Jungen Deutschland im Deutschen Bund
  • 1836 Die romantische Schule, Florentinische Nächte
  • 1837 Vorübergehende schwere Lähmungserscheinungen
  • 1840 Über Ludwig Börne, Der Rabbi von Bacherach
  • 1841 Heirat mit Eugenie Crescentia Mirat nach katholischem Ritus;
  • 1843 Atta Troll. Ein Sommernachtstraum, Reise nach Hamburg; Bekanntschaft mit Karl Marx, Mitarbeit im Vorwärts!
  • 1844 Erneute Reise nach Hamburg; Neue Gedichte, Deutschland. Ein Wintermärchen.
  • 1845 Tod des Onkels Salomon Heine; Einstellung der Unterstützungszahlungen; Verschlimmerung der Krankheit (Zentralnervenleiden, teilweise Lähmung)
  • 1848 Andauerndes Krankenlager (Matratzengruft);
  • 1850 Romanzero
  • 1851 Doktor Faust in Preußen und Österreich verboten
  • 1854 Lutetia
  • 1856 Tod in Paris am 17. Februar; 20. Februar: Bestattung auf dem Friedhof Montmartre

Zitate

  • Dies war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen. (aus: "Almansor", 1821)
  • Der Teufel, der Adel und die Jesuiten existieren nur so lange, wie man an sie glaubt. (aus: "Reisebilder: Italien")
  • Rom wollte herrschen. Als seine Legionen gefallen waren, schickte es Dogmen in die Provinzen. (aus: "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland")
  • Ich glaube an den Fortschritt. Ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt. (aus: "Über Deutschland seit Luther")
  • Ja, man muss seinen Feinden verzeihen, aber nicht eher, als bis sie gehängt worden. (aus: "Gedanken und Einfälle")
  • Der Knecht singt gern ein Freiheitslied des Abends in der Schenke:
    Das fördert die Verdauungskraft und würzet die Getränke.
    (aus dem Gedicht: "An einen politischen Dichter 1841")
  • Das ist schön bei uns Deutschen: Keiner ist so verrückt, daß er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht. (aus: "Reisebilder: Die Harzreise")
  • Fürsten haben lange Arme, Pfaffen haben lange Zungen, und das Volk hat lange Ohren! (aus dem Gedicht "Warnung")
  • Wenn es den Kaiser juckt, so müssen die Völker sich kratzen. (aus dem Gedicht: "Kobes I.")
  • Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern. (aus: "Reisebilder: Norderney")
  • Wenn du aber gar nichts hast,
    Ach, so lasse dich begraben -
    Denn ein Recht zum Leben, Lump,
    Haben nur die etwas haben.
    (aus dem Gedicht: "Weltlauf")
  • Ausgestoßene Verbrecher tragen oft mehr Menschlichkeit im Herzen als jene kühlen, untadelhaften Staatsbürger der Tugend, in deren bleichen Herzen die Kraft des Bösen erloschen ist, aber auch die Kraft des Guten. (aus: "Englische Fragmente")
  • Laßt mich nicht ein alter Polterer werden, der aus Neid die jüngeren Geister ankläfft, oder ein matter Jammermensch, der über die gute, alte Zeit beständig flennt! (aus der Vorrede zum "Buch der Lieder")
  • Paris ist eigentlich Frankreich. Dieses ist nur die umliegende Gegend von Paris. (aus: Französische Zustände: Das Bürgerkönigtum im Jahre 1832")
  • In dunkeln Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; er kennt dann Wege und Stege besser als ein Sehender - Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen. (aus: Heine-WuB Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden, hg. von Hans Kaufmann, 2. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau, 1972; Band 7, S. 401)
  • "Vor seinem Tode", sagt Solon, "ist niemand glücklich zu schätzen." Wir dürfen auch sagen: Vor seinem Tode ist niemand als Charakter zu preisen. (aus: "Gedanken und Einfälle VI")
  • Alle kräftigen Menschen lieben das Leben. (aus: "Die Reformbill in England")
  • So ein paar grundgelehrte Citate zieren den ganzen Menschen. (aus: "Ideen. Das Buch Le Grand")

Werke

  • Gedichte, Berlin 1822
  • Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo, Berlin 1823
  • Reisebilder, 1826-31
  • Die Harzreise, 1826
  • Ideen. Das Buch le Grand, 1827
  • Englische Fragmente, 1827
  • Buch der Lieder, 1827
  • Französische Zustände, 1833
  • Zur Geschichte der neuren schönen Literatur in Deutschland, 1833
  • Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 1834
  • Der Tannhäuser ~ Eine Legende (Geschrieben 1836)
  • Die romantische Schule, 1836
  • Der Salon, 1836-40
  • Über Ludwig Börne, 1840
  • Atta Troll. Ein Sommernachtstraum, 1843
  • Neue Gedichte, 1844
  • Die schlesischen Weber, 1844
  • Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844
  • Romanzero, 1851
  • Der Doctor Faust, 1851
  • Les Dieux en Exil, 1853
  • Die Harzreise, 1853
  • Lutetia, 1854
  • Vermischte Schriften, 1854
  • Letzte Gedichte und Gedanken, 1869

Werkausgaben

  • Sämtliche Werke, 1887-90 (7 Bde.)
  • Sämtliche Werke, 1910-20
  • Sämtliche Werke, 1925-30
  • Werke und Briefe, 1961-64
  • Sämtliche Schriften, 1968

Literatur

  • Wolfgang Hädecke, Heinrich Heine - Eine Biographie ,
    Reinbek 1989 (Rowohlt ISBN 3-499-15975-9)
  • Jan-Christoph Hauschild, Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst. Heinrich Heine - Eine Biographie,
    Köln 1997 (Kiepenheuer & Witsch - ISBN 3-423-31058-8)
  • Karl-Theodor Kleinknecht (Hrsg.), Heine in Deutschland. Dokumente seiner Rezeption 1834-1956,
    Tübingen 1976 (Niemeyer - ISBN 3-484-19035-3)
  • Lew Kopelew, Ein Dichter kam vom Rhein,
    München 1988 (Goldmann - ISBN 3-442-72201-2)
  • Joseph A. Kruse u.a. (Hrsg.), Ich Narr des Glücks. Heinrich Heine 1797-1856. Bilder einer Ausstellung,
    Stuttgart Weimar 1997 (Verlag J.B. Metzler - ISBN 3-476-01525-4)
  • Ludwig Marcuse, Heinrich Heine,
    Reinbek 1988, Neuauflage (Rowohlt - ISBN 3-257-20258-X)
  • Günter Oesterle, Integration und Konflikt. Die Prosa Heinrich Heines im Kontext oppositioneller Literatur der Restaurationsepoche,
    Stuttgart 1972 (Metzler - ISBN 3-476-00254-3)
  • Ernst Pawel, Der Dichter stirbt. Heinrich Heines letzte Jahre in Paris,
    Berlin 1997 (Berlin Verlag - ISBN 3-8270-0233-8)
  • Marcel Reich-Ranicki, Der Fall Heine,
    München 2000, Neuauflage (dtv - ISBN 3-423-12774-0)
  • Ralf Schnell, Heinrich Heine zur Einführung,
    Hamburg 1996 (Junius-Verlag - ISBN 3-88506-930-X)
  • Edda Ziegler, Heinrich Heine. Leben - Werk - Wirkung,
    Zürich 1993 (Artemis & Winkler - ISBN 3-7608-1081-0)
  • Jochanan Trilse-Finkelstein, Gelebter Widerspruch - Heinrich Heine Biographie,
    Berlin 1997 (Aufbau-Verlag - ISBN 3-351-02461-4)

Weblinks

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