Johann Gottfried von Herder

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Johann Gottfried von Herder (* 25. August 1744 in Mohrungen; † 18. Dezember 1803 in Weimar) war ein Dichter, Übersetzer und Theologe der Weimarer Klassik.

Johann Gottfried von Herder

Er war einer der hervorragendsten und einflussreichsten Schriftsteller und Denker Deutschlands, dem klassischen Viergestirn von Weimar von jeher hinzugezählt, wurde aber erst in den letzten Jahrzehnten in seiner ganzen Bedeutung wieder gewürdigt.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kindheit und Jugend

Von Herder wurde am 25. August 1744 zu Mohrungen in Ostpreußen als Sohn des Kantors, Glöckners und Schullehrers Gottfried Herder und dessen zweiter Ehefrau, Anna Elisabeth Pelz, geboren. Die Verhältnisse seiner Eltern waren bescheiden und beschränkt, nicht aber so dürftig, dass sie auf eine bessere Erziehung ihrer Kinder und namentlich des Knaben, dessen Begabung früh zu Tage trat, durchaus hätten verzichten müssen. Herder besuchte die Stadtschule unter Rektor Grim, erwarb in ihr gute Kenntnisse und wurde zum Studium der Theologie bestimmt. Sein Leben wurde durch mehrere unerfreuliche Tatsachen beeinflusst. Er hatte eine Tränenfistel am rechten Auge, die sein sonst ansehnliches Gesicht entstellte, dazu kamen der Druck und die Not, welche mit dem Siebenjährigen Krieg über die Bewohner von Ostpreußen hereinbrach. Vor allem beeinflusste der seit 1760 an der Mohrunger Stadtkirche amtierende Diakonus S. F. Trescho Herders Eltern, ihn ein Handwerk lernen zu lassen. Trescho nahm den jungen Herder um seiner Brauchbarkeit willen als Famulus in sein Haus, und des Patrons literarische Tätigkeit wie seine Bibliothek weihten denselben in mancherlei Wissen und mancherlei Mysterien der Literatur ein. Im ganzen war es eine Lage, welche dem jungen Herder unauslöschlich trübe und bittere Erinnerungen hinterließ, und aus der er zuletzt nur durch das Eingreifen eines russischen Regimentschirurgen erlöst wurde, der sich erbot, ihn zur Erlernung der Chirurgie nach Königsberg und später nach Petersburg mitzunehmen.

Studium in Königsberg

Herder kam im Hochsommer 1762 in der ostpreußischen Hauptstadt an, wo er erkannte, dass er für den von seinem Beschützer in Aussicht gestellten Beruf gänzlich ungeeignet war. Am 10. August ließ er sich als Student der Theologie immatrikulieren. In dem Buchhändler Kanter, dem er sich schon von Mohrungen aus durch Zusendung des „Gesanges an Cyrus“ empfohlen hatte, gewann er einen hilfreichen Gönner. Durch seine Anstellung als Lehrer an der Elementarschule des Collegium Fridericianum wurde er der drückendsten Not rasch enthoben und überließ sich rückhaltlos seinem Bildungsdrang. Bedeutenden Einfluss auf die geistige Entwicklung des Jünglings übte von den Universitätslehrern nur Immanuel Kant, außerhalb der Universitätskreise aber der „Magus aus Norden“, der originelle Johann Georg Hamann aus. Unter den Einwirkungen seiner mannigfaltigen und ausgebreiteten Lektüre wirkte keine tiefer, sein ganzes Wesen bestimmender als die der Schriften Jean-Jacques Rousseaus.

Erste Literarische Werke

Herders erste literarische Versuche waren Gedichte und Rezensionen für Kanters „Königsbergische Zeitung“; daneben regten sich mannigfache literarische Pläne.

Im Herbst 1764 wurde Herder als Kollaborator an die Domschule nach Riga berufen, später auch als Pfarradjunkt an den Jesus- und Gertraudenkirchen angestellt, so dass er in der alten Hauptstadt Livlands, die sich damals noch fast republikanischer Selbständigkeit erfreute, einen ausgebreiteten und nicht unwichtigen Wirkungskreis fand. Die Kreise des städtischen Patriziats erschlossen sich dem jungen viel versprechenden Mann, der sich in ihnen mancher Anregung und eines bis dahin ungekannten Lebensgenusses erfreute.

Dort wurde er 1766 in der Loge „Zum Schwert“ in den Freimaurerbund aufgenommen. Er erhielt in diesem Kreis einige Anregungen, die in der „Ältesten Urkunde des Menschengeschlechts“ ihren Niederschlag fanden.

Herder eröffnete mit den „Fragmenten über die neuere deutsche Literatur“ (Riga 1766-67), der Schrift „Über Thomas Abbts Schriften. Der Torso von einem Denkmal an seinem Grab errichtet“ (Riga 1768) und den „Kritischen Wäldern“ (Riga 1769) seine große literarische Laufbahn. Mit den Sätzen der „Literatur-Fragmente“, dass die literarischen Erzeugnisse aller Nationen durch den besonderen Genius der Volksart und Sprache bedingt sind und darum die Nachahmung keiner fremden Literatur die deutsche fördern könne, mit der Polemik gegen das schon lange andauernde Übergewicht der lateinischen Sprache und Literatur hatte Herder seine selbständige Stellung in dem großen Kampf der Zeit genommen. Die Angriffe gegen die seichte und verächtliche Clique der Klotzianer waren nur Konsequenzen seiner Anschauungen. Gleichwohl hatte sich H. Klotz und den Seinen gegenüber Blößen namentlich durch die Ableugnung der Autorschaft der „Kritischen Wälder“ gegeben und ward, wie im späteren Leben noch oft, in ärgerliche Händel verwickelt, die ihm selbst das Behagen an seiner sonst so günstigen Stellung in Riga verleideten.

Starker Reisedrang und das Verlangen, sich für eine künftige große Wirksamkeit (welche er sich mehr als eine praktische denn als eine literarische dachte) allgemein vorzubereiten, veranlassten Herder im Frühling 1769 seine Entlassung zu begehren, die man ihm in der Hoffnung gewährte, dass er zurückkehren werde.

Reisender Fürstenerzieher

Mit Beihilfe einiger nächster Freunde, namentlich seines Verlegers Hartknoch, trat er im Juni 1769 eine große Reise an, die ihn zunächst zu Schiff nach Nantes führte, von wo er im November nach Paris ging. Dort pflegte er mit den Enzyklopädisten einen regen Gedankenaustausch.

Weil er sich rasch überzeugen musste, dass es nicht möglich sein werde, mehrjährige Reisen nur mit Unterstützung seiner Freunde durchzuführen, war ihm der Antrag des fürstbischöflich lübeckschen Hofs zu Eutin, den Erbprinzen Peter Friedrich Wilhelm als Reiseprediger zu begleiten, ganz willkommen. Anfang 1770 kam er nach Eutin und brach im Juli von dort mit dem Prinzen auf. Noch vor der Abreise hatte ihn ein Ruf von Wilhelm Graf zu Schaumburg-Lippe aus Bückeburg erreicht; gleich darauf lernte Herder in Darmstadt seine spätere Frau, Marie Karoline Flachsland (* 28. Januar 1750 in Reichenweier/Elsass), kennen. Eine rasch gefasste und erwiderte Neigung nährte in Herder den Wunsch nach festen Lebensverhältnissen. Er folgte dem Prinzen nur bis Straßburg, wo er sich mit Johann Wolfgang von Goethe befreundete. Herder begehrte vom Eutinischen Hof seine (im Oktober gewährte) Entlassung, nahm die vom Grafen zu Schaumburg-Lippe angetragene Stellung als Hauptprediger der kleinen Residenz Bückeburg und als Konsistorialrat an, blieb aber dann um einer (missglückten) Augenoperation willen den Winter in Straßburg und knüpfte hier die freundschaftlichen Beziehungen zu dem um fünf Jahre jüngeren Goethe an.

Prediger in Bückeburg

Ende April 1771 trat Herder seine neue Stellung in Bückeburg an. Sein Verhältnis zu dem Landesherrn des kleinen Ländchens, dem berühmten Feldherrn Grafen Wilhelm, wurde bei aller Achtung, die der durch und durch soldatische und an keinen Widerspruch gewöhnte Fürst ihm zollte, kein erfreuliches. Auch als Graf Wilhelms Gemahlin, die liebenswürdige fromme Gräfin Maria, sich Herder in herzlicher Verehrung anschloss, betrachtete dieser den Aufenthalt in Bückeburg als ein Exil. Verschönert wurde es ihm durch die treue Liebe seiner jungen Gattin, nachdem er im Mai 1773 Karoline Flachsland heimgeführt; resultatreich gemacht durch seine Studien und Arbeiten. Die Zeit des Bückeburger Aufenthalts war für Herder die eigentliche Sturm- und Drangperiode. Mit der geistvollen, von der Berliner Akademie preisgekrönten Abhandlung „Über den Ursprung der Sprache“ (Berlin 1772), die er noch in Straßburg begonnen hatte, eröffnete er die lange Reihe der verschiedenartigsten Schriften, durch welche er bahnbrechend und pfadzeigend für die junge Literatur wurde, und in denen die Fantasie nicht bloß berechtigtermaßen das erste, sondern manchmal auch das letzte Wort hatte. Mit den beiden Aufsätzen über „Ossian und die Lieder alter Völker“, über „Shakespeare“ in den fliegenden Blättern „Von deutscher Art und Kunst“ (Hamburg 1773) und der Schrift „Ursache des gesunkenen Geschmacks bei den verschiedenen Völkern, da er geblüht“ trat er in den Mittelpunkt der Bewegung, welche eine aus dem Leben stammende und auf das Leben wirkende, echte Natur atmende Dichtung wiedergewinnen wollte. Mit der Schrift „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ (o. O. [Riga] 1774) erklärte er der prahlerischen und öden Aufklärungsbildung des Jahrhunderts den Krieg. Rief schon diese Arbeit die entschiedensten Widerspruche, ja Herabsetzungen und Verlästerungen Herders hervor, so war dies in noch höherem Grade der Fall bei Herders theologischen und halbtheologischen Schriften, der „Ältesten Urkunde des Menschengeschlechts“ (Riga 1774-76, 4Tle.), den „Briefen zweener Bruder Jesu in unserm Kanon“ (Lemgo 1775), den „Erläuterungen zum Neuen Testament, aus einer neueröffneten morgenländischen Quelle“ (Riga 1775) und den 15 Provinzialblättern „An Prediger“ (Leipzig 1774). Die Angriffe, die er erfuhr, veranlassten ihn, seine schon zum Druck vorbereitete Sammlung der „Volkslieder“ zurückzuhalten. Sie brachen ihm den Entschluss des Weiterwirkens nicht, aber sie steigerten eine hypochondrische Reizbarkeit und ein dämonisches Misstrauen, welche in Herders Seele früh erwacht waren.

Generalsuperintendent in Weimar

Herder verhandelte eben wegen einer Berufung an die Universität Göttingen (wo man ihm ein Kolloquium zur Prüfung seiner angezweifelten Orthodoxie auferlegen wollte), als ihm durch Goethes freundschaftliche Bemühungen im Frühjahr 1776 die Vokation als Generalsuperintendent, Mitglied des Oberkonsistoriums und erster Prediger an der Stadtkirche zu Weimar zuteil wurde. Sein Weggehen von Bückeburg folgte dem Tod seiner Gönnerin, der Gräfin Maria, fast auf dem Fuß. Am 2. Oktober 1776 traf Herder, der besten Erwartungen und des besten Willens voll, in Weimar ein. Da aber gleich im Beginn seiner Wirksamkeit ein Versuch gemacht wurde, ihm seine eigentliche Gemeinde zu entziehen, und Herder nur durch die tapfere Erklärung, unter solchen Umständen lieber auf den Antritt seines Amtes verzichten zu wollen, das Feld behauptete, so war auch hier von Haus aus ein Argwohn und bitteres Gefühl wachgerufen. Herders amtliche Stellung wie persönliche Natur verboten ihm, an dem rauschenden Karneval in den ersten Regierungsjahren Karl Augusts Anteil zu nehmen. Obschon er rühmte: „Ich bin hier allgemein beliebt, bei Hofe, Volk und Großen, der Beifall geht ins Überspannte. Ich lebe im Strudel meiner Geschäfte einsam und zurückgezogener, als ich in Bückeburg nur je gelebt habe“, so blieben Misshelligkeiten nicht aus. Da Herder wahrzunehmen glaubte, dass in dem engeren Kreis des Herzogs eine gründliche Gleichgültigkeit, ja verächtliche Geringschätzung gegen Kirche und Schule vorherrsche, vertrat er nicht nur deren Interessen aufs kräftigste und eifrigste, sondern setzte sich in Opposition gegen nahezu alle Meinungen, Richtungen und Neigungen jenes Kreises. Und so gewiss Weimar eine große Verbesserung Bückeburg gegenüber heißen durfte, so fühlte sich Herder von der Kleinlichkeit und Enge auch vieler weimarscher Verhältnisse gedrückt. Dennoch wirkte die veränderte Lage günstig auf ihn, und wenn er auch herkömmlich über mancherlei Bürden seines Amtes klagte, so nahm gleichwohl seine literarische Produktivität einen großen und immer gewaltigeren Aufschwung. Der Läuterungsprozess, durch welchen sich die hervorragenden Repräsentanten des Sturms und Dranges in die Hauptträger der deutschen klassischen Literatur verwandelten, nahm auch bei Herder zu Ausgang der 1770er Jahre seinen Anfang. Die hochbedeutsame philosophische Abhandlung „Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele. Bemerkungen und Träume“ (Riga 1778), die „Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traum“ (Riga 1778) und die Herausgabe der „Lieder der Liebe“ (Leipzig 1778) sowie der längst vorbereiteten „Volkslieder“ (erst später von Johannes von Müller „Stimmen der Völker in Liedern“ betitelt, Leipzig 1778-79) waren seine ersten von Weimar aus in die Welt gesandten Publikationen. Die von der Münchener Akademie preisgekrönte Abhandlung „über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten“ (1778) galt einem neuen Nachweis, dass echte Poesie die Sprache der Sinne, erster mächtiger Eindruck der Phantasie und der Leidenschaft, daher die Wirkung der Sprache der Sinne allgemein und im höchsten Grad natürlich sei, eine Wahrheit, welche die mit umfassender Literaturkenntnis ausgewählten, lebendig nach- und anempfundenen, zum größten Teil hervorragend übersetzten „Volksliedern“ eben weiten Kreisen zum Bewusstsein brachten.

Freundschaft mit Goethe

Einen höchst glücklichen Einfluss auf Herders weitere geistige Entwicklung übte seit den ersten 178oer Jahren das wiederhergestellte innige Verhältnis Herders und seines Hauses zu Goethe. Herder trat in den regen Gedankenaustausch wie in den lebendigsten persönlichen Verkehr zu dem jüngeren Freund, und während er seinen Weg unter dessen bewundernder Teilnahme weiter verfolgte, steigerte sich sein Gefühl für Schönheit und Klarheit des Vortrags, selbst sein poetisches Ausdrucksvermögen durch den reinen Formensinn Goethes. In seinem Familienleben wurde Herder durch die dauernde tiefinnige Liebe seines Weibes und die erfreulich heranwachsenden Kinder beglückt. Freilich brachten auch die Sorgen um die Bildung und Zukunft dieser Kinder, eine gewisse Großartigkeit seines Naturells, welche mit den nicht dürftigen, aber mäßigen Einnahmen nie völlig in Harmonie kam, und mancherlei Krankheiten Herders, für welche er schon seit 1777 auf Badereisen Erholung zu suchen hatte, dunkle Stunden und Tage auch in diese lichtesten Jahre von Herders Leben. In ebendiesen 1780er Jahren entstand beinahe alles, was Herders immer genialem Wirken durch innere Reife und äußere Vollendung bleibende Nachwirkung sicherte. Bezogen sich die „Briefe, das Studium der Theologie betreffend“ (Weimar 1780-81, 4 Teile) und eine Reihe von vorzüglichen Predigten auf Herders Amt und nächsten Beruf, so leitete das große, leider unvollendet gebliebene Werk „Vom Geiste der Ebräischen Poesie“ (Dessau 1782-83, 2 Teile) von der Theologie zur Poesie und Literatur hinüber. Aus der tiefsten Mit-Empfindung für die Naturgewalt, die Frömmigkeit und eigenartige Schönheit der hebräischen Dichtung wuchs ein Werk hervor, von welchem Herders Biograph R. Haym mit Recht rühmt, dass es „für Kunde und Verständnis des Orients Ähnliches geleistet wie Winckelmanns Schriften für das Kunststudium und die Archäologie“. 1785 aber begann Herder die Herausgabe seines großen Hauptwerkes, der „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (Riga 1784-91, 4 Bände), die endliche Ausführung eines Lieblingsplans, die breitere Ausführung von Gedanken, welche er längst in kleinern Schriften in die Welt gesandt hatte, und wiederum die energische Zusammenfassung alles dessen, was er über Natur und Menschenleben, die kosmische Bedeutung der Erde, über die Aufgabe des sie bewohnenden Menschen, „dessen einziger Daseinszweck auf Bildung der Humanität gerichtet ist, der alle niedrigen Bedürfnisse der Erde nur dienen und selbst zu ihr führen sollen“, was er über Sprachen und Sitten, über Religion und Poesie, über Wesen und Entwickelung der Künste und Wissenschaften, über Völkerbildungen und historische Vorgänge gedacht und (wie seine Gegner erinnerten) geträumt hatte. Die Aufnahme des Werkes entsprach dem großen Verdienst desselben. Gleichzeitig veröffentlichte Herder die hochinteressante und nach den verschiedensten Richtungen bedeutende Sammlung seiner „Zerstreuten Blätter“ (Gotha 1785-97, 6 Teile), in welcher eine Reihe der schönsten Abhandlungen und poetischen Übersetzungen die Geistesfülle und sittliche Grazie des Schriftstellers in herzgewinnender Weise offenbarte.

Italienreise, Zerwürfnis mit Goethe

Einen großen Abschnitt in Herders Leben bildete die Reise, welche er 1788-1789 nach Italien unternahm. Seine hypochondrische Reizbarkeil und mancherlei ungünstige Zufälle wirkten zusammen, ihn eigentlich nur in Neapel zum Vollgenuss dieser Reise kommen zu lassen; doch empfing er bedeutende und bleibende Eindrücke, die vielleicht noch günstiger gewirkt hätten, wenn ihn nicht in Italien eine abermalige ehrenvolle und viel verheißende Berufung nach Göttingen erreicht und die schwere Frage des Gehens oder Bleibens in Weimar ihn während der Rückreise gequält hätte. Goethe, von der Erwägung ausgehend, dass der Freund dem Kathederärger in Göttingen noch weniger gewachsen sein werde als dem Hof- und Konsistorialärger in Weimar, wirkte für Herders Bleiben und konnte im Einverständnis mit dem Herzog Tilgung der Herderschen Schulden, Gehaltsverbesserungen und mancherlei tröstliche Verheißungen für die Zukunft bieten. In seinen freundschaftlichen Erwägungen hatte er nur vergessen, dass in gewissen Lebenslagen und Gemütszuständen die bloße Veränderung eine Wohltat und Notwendigkeit sein kann. Herder ließ sich mit einem gewissen Widerwillen zum Bleiben bestimmen, beide Freunde sollten dieser Entscheidung nur kurze Jahre froh werden. Herders Gesundheitszustände waren nur vorübergehend gebessert, körperliche Leiden brachen ihm Lebenslust und Arbeitskraft; der fünfte Teil der „Ideen“ blieb ungeschrieben, und bereits die „Briefe zur Beförderung der Humanität“ (Riga 1793-97, 10 Sammlungen) trugen die Farbe seines verdüsterten Geistes. Die materiellen Sorgen im Herderschen Haus hatten sich leider nur vorübergehend gemildert, und die nur halb gerechtfertigten Ansprüche, welche Herder und seine Gattin auf Grund der Abmachungen von 1789 erhoben, führten zu einem unheilbaren Bruch mit Goethe. Herder hatte schon zuvor mit reizbarer Eifersucht die wachsende Intimität zwischen Goethe und Schiller betrachtet. So trat allmählich ein Zustand der Isolierung und kränklich verbitterten Beurteilung alles ihn umgebenden Lebens bei Herder ein. Die geistigen Gegensätze, in denen er sich zur Philosophie Kants, zur klassischen Kunst Goethes und Schillers fand, verstärkte und verschärfte Herder gewaltsam und ließ sie in seinen literarischen Arbeiten mehr und mehr hervortreten. Zwar gab er, sowie er auf neutralem Gebiet stand, auch jetzt noch Vorzügliches und Erfreuliches.

Spätwerk

Seine „Terpsichore“ (1795), welche den vergessenen neulateinischen Dichter Jakob Balde wieder einführte, seine „Christlichen Schriften“ (1796-1799, 5 Sammlungen), in denen das unbeirrte Gefühl für den eigentlichen Kern des Christentums den schönsten und maßvollsten Ausdruck fand, seine Aufsätze für Schillers „Horen“ bewährten den alten Herderschen Geist. Aber voll grimmer Bitterkeit und dazu mit unzulänglichen Waffen bekämpften Herders „Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft“ (1799, 2 Teile) und die „Kalligone“ (1800) die Philosophie Kants, voll absichtlicher Verkennung und unwürdiger Lobpreisung des Abgelebten und Halben richtete seine „Adrastea“ (das. 1801-1803, 6 Teile) alle ihre versteckten Spitzen gegen die lebendige, schönheitsfreudige Dichtung Goethes und Schillers. Nur die Qual eines Zustandes, der ihn tief niederdrückte, und in dem er sich selbst bald als „dürrer Baum und verlechzte Quelle“, bald als „Packesel und blindes Mühlenpferd“ schilderte, konnte diese letzte verhängnisvolle Wendung seiner literarischen Tätigkeit entschuldigen. Letzte Erquickung bereitete ihm, dessen körperliche Kraft mehr und mehr erlag, die poetische Arbeit an seinen „Legenden“, an der Übertragung der Romanzen vom „Eid“ und an den dramatischen Gedichten: „Prometheus“ und „Admetus' Haus“. Die Annahme eines ihm vom Kurfürsten von Bayern 1802 verliehenen Adelsdiploms bereitete Herder schweren Ärger, und seine endliche Ernennung zum Präsidenten des Oberkonsistoriums kam zu spät, ihm Lebensmut zurückzugeben. In den Sommern 1802 und 1803 suchte er Heilung in den Bädern von Aachen und am Egerbrunnen, im Herbst des letztgenannten Jahrs erfolgte ein neuer heftiger Anfall seines unheilbaren Leberübels, dem er am 18. Dezember 1803 erlag. Vor der Stadtkirche zu Weimar wurde ihm 1850 ein ehernes Standbild (modelliert von Schaller) errichtet. Johann Gottfried von Herder war eines der bislang 1500 ermittelten Mitglieder der Illuminaten.

Die Familie

Herders Gattin Maria Karoline, geborene Flachsland, * 28. Januar 1750 in Reichenweier im Elsass, lebte nach ihres Vaters Tod bei ihrer Schwester in Darmstadt, wo sie Herder kennen lernte, der sich 1773 mit ihr verheiratete. Nach Herders Tod ordnete sie dessen literarischen Nachlass und schrieb: „Erinnerungen aus dem Leben Herders“ (hrsg. von J. G. Müller, Stuttgart 1820, 2 Bände.; neue Ausg. 1830, 3 Bände). Sie starb am 15. September 1809 in Weimar. Der älteste Sohn, Wilhelm Gottfried von Herder, * 1774 in Bückeburg, studierte in Jena Medizin, wurde 1800 Provinzialakkoucheur und 1805 Hofmedikus in Weimar, wo er 1806 starb. Er schrieb: „Zur Erweiterung der Geburtshilfe“ (Leipzig 1803) und nahm teil an der Herausgabe der Werke seines Vaters. Der zweite Sohn ist Sigismund August Wolfgang von Herder. Der dritte und jüngste, Emil Ernst Gottfried von Herder war bis 1839 bei der Regierung für Schwaben und Neuburg tätig und starb als bayerischer Oberforst- und Regierungsrat am 27. Februar 1855 in Erlangen. Er gab in „Herders Lebensbild“ (Erlangen 1846-47, 3 Bände) eine liebevolle Darstellung des Lebens und Wirkens seines Vaters. Ein Enkel Herders war der ehemalige weimarsche Staatsminister Stichling.

Ideen

Humanitätsbegriff:

  • „(...) Betrachten wir die Menschheit, wie wir sie kennen, nach den Gesetzen, die in ihr liegen, so kennen wir nichts Höheres, als Humanität im Menschen; denn selbst wenn wir uns Engel oder Götter denken, denken wir sie uns nur als idealistische, höhere Menschen.“
  • „Ich wünschte, daß ich in das Wort Humanität alles fassen könnte, was ich bisher über des Menschen edle Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feineren Sinnen und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt habe; denn der Mensch hat kein edleres Wort für seine Bestimmung, als Er selbst ist, in dem das Bild des Schöpfers unserer Erde, wie es hier sichtbar werden konnte, abgedrückt lebt. (...)“
  • Einer der zentralen Begriffe im Zusammenhang mit Herder ist die Humanität, das „Streben nach der ursprünglichen Einheit des Menschengeschlechtes“ (Hans Dietrich Irmscher im Kölner Stadtanzeiger vom 25. August 1994).

Würdigung

Mannigfach rätsel- und widerspruchsvoll, ungleicher in seinen Leistungen als seine großen Zeitgenossen, aber unvergleichlich reich, vielseitig, voll höchsten Schwunges und schärfster Einsicht, eine Fülle geistigen Lebens in sich tragend und um sich erweckend, steht Herder in der deutschen Literatur. In der großen Umbildung des deutschen Lebens am Ende des 18. Jahrhunderts hat er mächtiger und entscheidender eingegriffen als einer, und die Spuren seines Geistes lassen sich in der Literatur im engern Sinn, in Fachwissenschaften und Spezialzweigen, die aus seinen Anregungen hervorgegangen sind, überall nachweisen. Der verschwenderische Überreichtum seiner Gedanken, die Genialität seiner Einsichten und die wunderbarste Anempfindung für das echt Poetische offenbaren sich in beinahe allen seinen Werken; die Forderung der „Humanität“, der Heranbildung und Läuterung zum vergöttlichten Menschlichen, einem Lebens- und Bildungsideal, dem noch ganze Jahrhunderte nachringen können, ist der durchgehende Grundgedanke in der Vielheit und Mannigfaltigkeit seiner Schriften. Bei allen seinen Gaben war ihm die künstlerische Gestaltungskraft versagt, so dass er als Dichter nur in einzelnen glücklichen Momenten und auf dem Gebiet der didaktischen Poesie zu wirken vermochte. Die Verbindung seines eigenen ethischen Pathos mit Stimmungen und Gefühlen, welche ihm aus der Dichtung der verschiedensten Zeiten und Völker aufgingen, war nie ohne Reiz; sein Verdienst als poetischer Übersetzer, als Aneigner und Erläuterer fremden poetischen Volksgeistes kann kaum zu hoch angeschlagen werden. Die große Zahl von Herders poetischen Übertragengen aus den verschiedensten Sprachen, ihre Auswahl und die Resultate, welche Herder jedes mal aus ihnen zog, haben einer allgemeinen, über die „Gelehrtengeschichte“ der vorausgegangenen akademischen Perioden hinauswachsenden Literaturgeschichte den Boden bereitet. Neben den „Stimmen der Völker in Liedern“, dem „Cid“, den Epigrammen aus der griechischem Anthologie, den Lehrsprüchen aus Sadis „Rosengarten“ und der ganzen Reihe anderer Dichtungen und poetischer Vorstellungen, welche Herders anempfindender Geist für die deutsche Literatur gewann, stehen jene morgenländischen Erzählungen, jene Paramythien und Fabeln, die Herder im Wiedererzählen benutzte, Momente seiner eignen sittlichen Anschauung, seiner Humanitätslehre beizugesellen, und die hierdurch wieder durch ihre Vortragsweise zu seinem geistigen Eigentum werden. Höher aber als der Dichter steht überall der Prosaiker Herder, der große Kulturhistoriker, Religionsphilosoph, der feinsinnige Ästhetiker, der im Sinn Lessings und doch in völlig anderer Erscheinung produktive Kritiker, der glänzende Essayist, der gehaltreiche und in der Form anmutvolle Prediger und Redner. Es ist Herders eigenstes Missgeschick gewesen, dass die großen Resultate seines Erkennens und Strebens rasch zum Gemeingut der Bildung, seine Anschauungen zu Allgemeinanschauungen wurden, so dass es erst der historischen und kritischen Zurückweisung auf die Genialität, die seelische Tiefe und den verschwenderischen Gedankenreichtum der Herderschen Schriften bedurfte, um das größere Publikum zu denselben zurückzuführen.

Ihm zu Ehren wurde seine Büste in der Walhalla aufgestellt.

Als Theologe erwarb er sich großes Verdienst um eine geistige, von dem Buchstaben des Dogmas freie Auffassung des Christentums; der Heiligen Schrift widmete er literarhistorische und historisch-antiquarische Studien, die sie aus ihrer Zeit und ihrem Volke verstehen lehrten [...].
Brockhaus (1908), Bd.9, S. 33 (normalisiert)

Eine der bleibenden Leistungen Herders war die zuerst in seiner Schrift Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit formulierte Erkenntnis, dass die Mächte der Geschichte wie Nationen, Epochen u. a. jeweils ihren eigenen Wert in sich tragen und unabhängig von der Gegenwart des Betrachters beurteilt werden müssen. Die im Zeitalter der Aufklärung bedeutende Idee der Toleranz wurde damit von Herder auf andere Völker und Geschichtsepochen angewandt. In der Literaturgeschichte führte ihn seine Erkenntnis zu dem viel zitierten Ausspruch über Shakespeare, in Griechenland sei ein Drama entstanden, wie es im Norden nicht hätte entstehen können. Herder legte damit den Grundstein zum Historismus.

Werke

  • Fragmente über die neuere deutsche Literatur, Riga 1766-67.
  • Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772)
  • Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter (1773)
  • Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker (1773)
  • Volkslieder nebst untermischten anderen Stücken (1778/79 Erst in der 2. Auflage 1807 unter dem Titel Stimmen der Völker in Liedern )
  • Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (4 Teile 1784/91)
  • Briefe zu Beförderung der Humanität; zehn Sammlungen (1791-1797)
  • Terpsichore, Lübeck 1795
  • Christliche Schriften, Riga 1796-1799, 5 Sammlungen.
  • Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, Leipzig 1799, 2 Teile.
  • Kalligone, Leipzig 1800.

Literatur

Weblinks

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Siehe auch

Meyerskonvlexikon.jpg Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text („public domain“) aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888–1890. Der Wissensstand von damals kann inzwischen überholt sein. Wenn Sie der Meinung sind, dass der Text den aktuellen Wissensstand zu diesem Thema widerspiegelt, dann kann dieser Hinweis aus dem Artikel gelöscht werden.
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