Der Herr Karl

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Der Herr Karl ist ein knapp einstündiger Monolog, zwischen Theaterstück und Kabarett angesiedelt, der 1961 von Helmut Qualtinger und Carl Merz geschrieben wurde. Das Ein-Personen-Stück, das zunächst mit Qualtinger als Darsteller für das österreichische Fernsehen verfilmt und anschließend auf zahlreichen Bühnen aufgeführt wurde, sorgte in Österreich für heftige Kontroversen.

Der (Anti)Held "Herr Karl", erzählt einem "jungen Menschen", dem Zuschauer, seine Lebensgeschichte, während er bei der Arbeit im Lager eines Feinkostgeschäftes sitzt. Dabei entpuppt sich der Erzähler zunehmend als opportunistischer Mitläufer aus dem kleinbürgerlichen Milieu, der sich im wechselhaften Gang der österreichischen Geschichte vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Besatzung durchs Leben laviert hat.

Der Herr Karl, Buchcover

Inhaltsverzeichnis

Charakter

Auf den ersten Blick könnte man Herrn Karl als den typischen Durchschnittsösterreicher, „katholisch“ und „freiheitsliebend“, und Wiener, ewiger Raunzer, charakterisieren. Als repräsentativer Kleinbürger verkörpert er sozusagen die vox populi, die Stimme des Volkes. Äußerlich erscheint der Herr Karl als netter, ehrlicher, aber naiver Kerl mit liebem Blick. Doch nach und nach erfährt der Zuschauer von dem Wendehals Herrn Karl, der sich hinter einer Fassade der Gemütlichkeit verbirgt.

Als es 1934 zu einem massiven Rechtsrutsch bei den Wahlen kam, wurde Herr Karl, der bis dato Sozialist gewesen ist, sofort zu einem Anhänger der Nazis. Der Opportunist Herr Karl nützt jedoch nicht nur die Anpassung seiner politischen Meinung an die Masse, um Vorteile zu erlangen. Sein Egoismus zieht sich durch sein gesamtes Leben. Er selbst schätzt sich als „Mann von Welt“ ein, der Zuschauer lernt ihn aufgrund des Verhaltens gegenüber seinen Mitmenschen als skrupellosen Profiteur, Drückeberger und Anpasser kennen. Seine Kaltherzigkeit erlaubt es ihm, andere Leute auszunützen und keine Gelegenheit auszulassen, aus der er Nutzen für sich ziehen konnte.

Wahrscheinlich haben mehrere authentische Gestalten als Vorbilder für den Herrn Karl gedient. Die Verbindungen zum Durchschnittsösterreicher wirken ziemlich genau, vor allem im Bereich der politischen Meinung. Qualtinger und Merz haben mit ihrem Herrn Karl den Durchschnittbürger als Mittäter entlarvt und dargestellt. Aber ungeachtet seiner unerquicklichen Züge ist der Herr Karl beinahe sympathisch und gerade kein Antiheld. Damit steht das Drama durchaus im Bezug zur These von der "Banalität des Bösen", wie sie Hannah Arendt aufgestellt hat.

Historische Ereignisse/Personen

Herr Karl erwähnt in seinem einstündigen Monolog zahlreiche historische Ereignisse und Personen:

Erster Weltkrieg
„Österreich hat sich erst langsam aus den Wunden, die ihm der erste Weltkrieg geschlagen hat, erholt.“
Gemeindebau
„I maan, a Gemeindebauwohnung hob i jo ghobt“
1.März 1925 Einführung des Schillings
„Es woa a schreckliche Zeit. Inflation…“
„I maan, da Schilling hot schon an Wert ghobt…“
1927 Justizpalastbrand
„Donn is des historische Jahr 26 kommen, mi'm Brand vom Justizpalost […] 27 woa’s“
30er Jahre Weltwirtschaftskrise, Chomage
„In da Krise hot er si daschossen, da oide Herr Feinkost Wawra.“
„Wer steht schon auf ihr Göd. In de 30er Joa bitte. Do hot ma kaans ghobt.”
„Do woa i sehr oft orbeitslos. Hockenstad“
Sterbeverein
„So wurde ich von einem Sterbeverein mit offen Armen aufgenommen“
1919 – 1938 Heimwehr
Demonstration für die Heimwehr
„Später donn bin i demonstrieren gonga für de Schworzen. Für de Hahnenschwanzler. Heimwehr. Hob i fünf Schilling kriagt. Woa a Göd domois. Donn bin i ummi zu de Nazi. De domoligen. Hob i aa fünf Schilling kriagt. Österreich woa imma unpolitisch“
1923/24 – 1934 Schutzbund (ab 1934 verboten)
Demonstration für den Schutzbund
„Bis 34 wor i Sozialist, wor aa ka Beruf.“
1938 Anschluss (Hitler marschiert in Österreich ein)
„Donn is eh da Hitler kummen. […] Wonn sand se geboren? 38? […] Samma olle. Na, i waaß no. Am Ring. Am Hödenplotz gstonden. De Polizistn mit de Hakenkreuzbinden - Fesch! Furchtbar, furchtbar, ein Verbrechen, wie diese gutgläubigen Menschen in die Irre geführt wurden!!“
„De Deitschen sand einmarschiert mit klingendem Spiel.“
Antisemitismus
„Do woa a Jud im Gemeindebau. Da Tennenbaum. Sunst a netta Mensch.“
„Gschäfter arisiert. Heiser. Firmen“
Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV)
als Fürsorgeorganisation der NSDAP gegründet;
„Na wos woa i schon. Bei da NSV. Hot si kaana wos gedocht wonn er dazuagonga is.”
Zweiter Weltkrieg
„Ich sag ihnen ich habe im Traum den zweiten Weltkrieg vorausgesehn.“
„Mia hoben a Kaserne in da Nähe ghobt. Do hob i imma schon ghert das sovü Soldoten, deitsche Soldoten aus und eingehn im Gemeindebau.“
„I woa jo beim Luftschutz.“
1945 Kriegsende
„Nochn Kriag is er zurückgekommen. Da Tennebaum. ich grüße ihn. Er schaut mich net an. Da hob i mir gedocht: sichs, jetzt is er bös, der tennenbaum“
30. November 1945 Währungsreform bzw. 1947 Abwertung
„…was i damals in a nachtlokal gekommen bin da hobns olle glaabt, i bin a Lord. :Und donn is de Währungsreform kummen. Do hobi wida olle Lust verloren zum Leben.“
1945 - 1955 Besatzungszeit
„Und donn sand de Russen kemma. No i bin seehr gut mit ihnen auskemma. Hob de Russn extra in mei Wohnung gführt: Komm tawarisch, idi siuda, hob Hitler Büd pockt, auf d Erd ghaut, drauf herum getramelt, hobns gsagt "karascho" uns san gagan, ned?“
„A poa Monat spata, wer glaubns, wer kummen sand? De Amerikaner! Na das war eine Erlösung!!"“
15. Mai 1955 Staatsvertrag
„Gfreit hob i mi schon an dem Tog. Wo ma endlich den Stootsvertrog griagt hoben. Da hab ich mir gedacht: Auch das habe ich jetzt geschafft"“
Adolf Hitler (1889-1945)
„Donn is eh da Hitler kummen.“
Ignaz Seipel (1876-1932)
„De gonzen Bundeskanzler wias do woan… Da Sei…Scho...na, da blade... Na höfn’s ma. Se hob des doch glernt.Na is ja wurscht, aber beim Heirign, do hats Persenlichkeiten gebn: der Betzner Masl, die Voicka'l Buam, Korschinek Wickerl, Netzwerker Pepi...“
Leopold Figl (1902 - 1965)
„Donn is er herausgetreten der Herr Bundes… Poidl,…“

Dramaturgische Mittel

Bühnenbild/Ausstattung

Der Keller eines Lebensmittelladens bietet die Kulisse für die Erzählungen des Herrn Karl. Zwischen Regalen voller Konserven und Flaschen spricht er über Gott und die Welt und über seine Zeit vor, während und nach dem Krieg.

Dieses Bühnenbild wirkt begrenzt und eng, als stilistisches Mittel, welches die Kleinkariertheit und den Horizont der Hauptfigur verkörpern soll. Das Bühnenbild wechselt nie und spielt damit wohl auf die innere Monotonie von Herrn Karls Leben an.

Kostüme

Was auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, ist die Tatsache, dass der Herr Karl fast durchgehend seinen Hut trägt. Dies ist aber auf die damalige Zeit zugeschnitten, da der Hut damals ein gängiges Kleidungsstück darstellte.

Sprache

Der Herr Karl variiert zwischen seinem typisch wienerischen Dialekt und der Hochsprache. Die Intonation ist bezeichnend: von einer Bewunderung der Nazis auf Wienerisch wechselt er schlagartig in eine Art verordneten Ekel in der Hochsprache. Dies ermöglicht ihm, seine Meinung blitzschnell zu ändern. Dem Zuhörer drängt sich der Eindruck auf, dass im authentischen Alltagsdialekt gesagt wird, was der Held wirklich denkt und fühlt, während die Hochsprache als Fassade dient, in der die Rechtfertigungen und Entschuldigungen nach außen getragen werden.

Herr Karl und die Frauen

„Bei mir woa immer des Herz dabei. Immer a bisserl des Herz dabei.“

Herrn Karls Beziehungen bilden einen wichtigen und langen Teil seines Monologs, seines Lebens. Sein Umgang mit seinen Frauen ist bezeichnend für den parasitären Wendehals Karl.

Die Anfänge

„do hot ma gwusst, wenn man beim Feinkost Wawra wos bestellt, donn kummt da Herr Korl“

Herr Karl nutzt seine Anstellung beim Feinkost Wawra, um sich ein „Trinkgeld“ der besonderen Art zu holen. Denn wenn der Hausherr nicht daheim war, so Herr Karl, dann gab es für ihn als „jungen Mensch, fesch“ nach „ana Viertelstund“ auch „ein Trinkgeld“. Kurz später spricht Karl vom Rauchen als seinem einzigen Laster und merkt an, dass es daneben kaum mehr Leidenschaften gäbe. Außer eben den Hausfrauen. Seine sexistische, frauenverachtende Einstellung kommt hier schon sehr deutlich zum Vorschein: Für Herrn Karl sind Frauen Güter, ähnlich wie das anständige Trinkgeld, dass es vom Hausherrn gegeben hätte, er hält nichts davon sich zu binden, wenn es nicht (wie in seinen späteren Ehen) Bedingung ist.

Frauen mit Macht

„Jaja, Frau Chefin.“

Ebenfalls schon zu Beginn zeigt sich, wie Herr Karl, der sich der Obrigkeit sonst stets brav unterordnet, mit Frauen als seinen Vorgesetzten umgeht: Er vertröstet, führt keine einzige ihrer Anweisungen aus und fordert sie später sogar noch auf, sich ihre Zigaretten doch bitte selber zu kaufen. Er murrt: „De Oide soi se net aufregn. Soi froh sein, dass mi hot.“ und „Des war früher auch ka Chefin gewesen“.

Herrn Karls Verführungskünste

die Donauauen in den Dreißigern: „Do homma a Hetz ghobt!“

Herrn Karls Verführungskünste beschränken sich darauf, Mandoline und Harmonika zu spielen und die Schlager aus den Tonfilmen nachzusingen. Er hat die Mädchen „mitm Schmäh übernommen“.

Die erste Ehe

„I hob mi kirchlich trauen lossen. Des wor domois eher günstig.“

Nicht umsonst erwähnt Herr Karl seine erste Ehe zuerst in einem Satz über die Dreißiger: „Man hot jo von wos leben müssen. Des kennen's Ihna goa net vorstellen, wos? Se kennten lernen von mir, den Lebenskampf, wie wir ihn domois homb führen müssen – sogoar gheirat hob i.“

An seiner ersten Gattin, die er als nicht sonderlich attraktiv beschreibt, findet er anscheinend vor allem ihre gute finanzielle Lage als Wirtin in der wirtschaftlich schwachen Zeit reizvoll. Er erobert sie als sie noch um ihren „Poldl“ trauert. „Do hob is ongschaut, hob ma denkt, sche iss nit. Oba eigentlich….“. Für Herrn Karl war die Situation überaus günstig, hatte er doch zu dieser Zeit sowieso nichts Besseres zu tun und war viel im Wirtshaus. Für sein unbeschwertes Leben („Sie hot jo a schens Wirtsgschäft ghobt!“) nimmt Herr Karl sogar in Kauf, zumindest oberflächlich etwas von seiner Freiheit aufzugeben und sich ehelich zu binden.

Die Ehe bestand dann für Herrn Karl aus „Gäste animieren“, „umanondaziehen, mit den Spezis – es genügt doch, wenn einer im Geschäft ist“, Hunderennen und das gemeinsame Sparbuch und die Kassa leeren – Rechtfertigung: „I wor jo gegen sie a junger Mensch, verhötnissmäßig.“

Als sich die Gattin dann zur Wehr setzt, „Da Poidl möcht schön schauen, wonn a obaschauen möcht, wies zugeht, in seim Wirtshaus“, reicht es Herrn Karl. Seine Gemeindebauwohnung hat er – wohl in weiser Vorahnung - nicht aufgegeben, so fällt es ihm leicht, seine erste Gattin zu verlassen.

Die „zweite Ehegemeinschaft“

„Sie war ein moderner Mensch ohne Vorurteile.“

Seine zweite Frau arbeitet mit Herrn Karl zusammen als Billeteurin in einem Kino während des Krieges. Er „[hat] natürlich manchmal die Gelegenheit benützt, es wor jo a moderne Ehe. Da Monn is a Monn, wenn er a richtiger Monn is.“ „Die Frau is da gebende Teil, und da Mann is da herrschende.“ Diese Auffassung macht er seiner zweiten Frau auch ganz klar. Denn wenn auch er es für in Ordnung hält, die moderne Ehe gelegentlich auszunützen, ist ein solches Verhalten ihrerseits „gegen die Würde des Mannes“. Nachdem er aber nicht „Mann“ genug ist, sich gegen die deutschen Soldaten, die in seiner Wohnung ein- und ausgehen zu wehren, wartet er ab, bis es einmal ein Fremdarbeiter ist: „Schleich di!“ ist dann alles, was er seiner zweiten Ehefrau noch zu sagen hat.

Die dritte Frau

„Sie wor Bedienerin. Ober sonst sehr reinlich.“

Seine dritte Frau lernt er als Ballonverkäufer kennen. Er ist bei ihr dann „picken geblieben, bis in da Frua“. „Fesch wor’s net“. Aber zu seinem Trost ist die „fesche Billeteurin“ inzwischen auch „schiach, fett, direkt ungustiös.“ In dieser Zeit liest Herr Karl viel. Er bleibt zuhause und kümmert sich um den Haushalt. Doch auch „diese Lebensgemeinschaft war nicht von Dauer, sie is leidend geworden.“ Herr Karl beendet auch diese Beziehung. Diesmal mit den Worten: „Du musst einsehen, jetzt muass i weg.“ Herr Karl hat seine Gemeindebauwohnung weiterhin behalten und mit seiner „Arbeitslosen“, die er in dieser Zeit gespart hat, konnte er unbeschwert weiterleben. „Bin jo net bled!“

Reaktionen

In Österreich löste das Stück zunächst einen Proteststurm aus. Die Autoren Qualtinger und Merz aber spielten in satirischer Weise mit der Empörung und fügten in der Buchveröffentlichung des "Herrn Karl" an den Text noch eine Reihe von fiktiven Zuschriften von braven österreichischen Bürgern an, die sich alle als Brüder im Geiste des ewigen Opportunisten erweisen. Heute zählt das Stück zu den Klassikern der Nachkriegszeit.

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