Ignoramus et ignorabimus

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ignoramus et ignorabimus (lat. "Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen") bezeichnet eine Aussage von Emil Heinrich du Bois-Reymond von 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig.

Diese Schlussformel verwendete du Bois-Reymond in seinem Vortrag unter dem Titel "Über die Grenzen der Naturerkenntnis". Sie spielte in den ideologischen Auseinandersetzungen der folgenden Jahrzehnte eine große Rolle.

Du Bois-Reymonds Position ging vom französischem Materialismus und Atheismus aus, vertrat aber auch einen metaphysischen Determinismus. So stieß er bald auf "unbesiegbare Probleme":

  • die Frage nach dem "Ursprung der Bewegung"
  • die Frage, "wie Materie denkt"

Über diese "Erkenntnisgrenzen" ging er jedoch hinaus mit der These, die Welt sei prinzipiell unbegreiflich. Er hielt es nicht einmal für möglich zu wissen, warum wir nicht wissen können, sondern nur, dass wir nicht wissen können.

Das Gebiet der Trägheit des Naturforschers lag seiner Meinung nach zwischen dem Problem, was Materie und Kraft seien, und dem, wie sie denken; sonst wisse er nur, dass er nichts wisse, nichts wissen könne und nichts wissen werde.

Diese agnostizistischen Auffassungen des berühmten Gelehrten hatte eine verhängnisvolle Auswirkung. Sie wurden von den idealistisch-religiösen Strömungen als Kapitulationserklärung der Naturforschung vor den "letzten Fragen" gedeutet. Damit hatte er, der selbst Atheist war und alle theologischen Spekulationen verwarf, der von ihm verachteten Religion und ihren Verteidigern ungewollt einen starken Auftrieb gegeben.

Sein "Ignorabismus" wurde von den "Feinden des Lichts", wie er die Anhänger religiöser Auffassungen abschätzig nannte, als eine Bestätigung für die geistigen Führungsansprüche von Religion und Kirche betrachtet und gegen die Vertreter der Naturwissenschaften ausgespielt. Mit Recht schrieb Ernst Haeckel in seinen "Welträtseln", du Bois-Reymond sei von den idealistischen Schulen und von der streitbaren Kirche gerade deshalb so gelobt worden, weil er bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des naturwissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte (was er ja auch weiterhin geblieben sei).

Diese Sackgasse, in die du Bois-Reymond geraten war, ergab sich aus der mechanisch-metaphysischen Naturansicht, die ihn erkenntnistheoretisch nicht über bestimmte Grenzen hinaus gelangen ließ. So musste er z.B. an der Frage des menschlichen Bewusstseins scheitern, da dieses allein nicht aus der Annahme der Mechanik von Gehirnatomen zu erklären und zu deuten ist.

Ein "Ignorabimus" ist nur für solche Bereiche gültig, aus denen der Mensch und seine Hilsmittel keine Signale aufzufangen vermögen. Friedrich Engels bemerkte in diesem Sinne, das Sein sei eine offene Frage "von der Grenze an, wo unser Gesichtskreis aufhört". Für alle anderen Gebiete gilt aber, was der große deutsche Mathematiker David Hilbert in einer erwartunsgoffenen Position unter Zurückweisung des "Ignorabimus" und aller anderen Formen eines Erkenntnispessimismus äußerte: "Wir müssen es wissen, und wir werden wissen".

Siehe auch Erkennbarkeit der Welt, Materielle Einheit der Welt

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