Improvisationstheater

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Allgemein

Improvisationstheater (oft auch kurz Improtheater) ist eine Form des Theaters, bei dem improvisiert wird, d.h. es wird eine oder es werden mehrere zuvor nicht einstudierte Szenen gespielt. Die Spieler kommen auf die Bühne und wissen nicht, was passieren wird. In der Regel bekommen sie ein Thema oder einen Vorschlag aus dem Publikum. Der Moderator fragt z.B. nach einem Ort, einer Beziehung, einem Beruf, einer brenzligen Situation, nach einem Gefühl. Diese Vorschläge sind dann Auslöser und Leitfaden für die daraufhin spontan entstehenden Szenen. Häufig werden die Spieler durch einen - häufig ebenfalls - improvisierenden Musiker begleitet.

Eine Geschichte entsteht aus der Spontaneität und gegenseitigen Inspiration der Impro-Spieler, oft fern ab von der Rationalität. Das tägliche Leben wird zur Bühne. Der verneinende Intellekt weicht der Phantasie. „Damals gilt, was heute gilt: Bin ich inspiriert, geht alles gut, doch versuche ich es richtig zu machen, gibt es ein Desaster.“ (Keith Johnstone 1993, S. 36).


siehe auch Stegreifkomödie und die Commedia dell'Arte

Geschichte

In Deutschland wird oft die Meinung verbreitet, dass das Improvisationstheater vom Briten Keith Johnstone in der Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden wurde. Eigenen Angaben zufolge experimentierte er mit seiner "Theater Machine" und kreierte ein Konzept namens Theatersport, da die Zensur in Großbritannien verlangte, dass Theaterstücke vor der Aufführung überprüft werden müssen. Angeblich konnte Theatersport dann ohne Probleme als Sportveranstaltung gebucht werden.

Was an dieser Geschichte wahr ist, ließ sich bis jetzt noch nicht nachvollziehen oder belegen, da die einzige auffindbare Quelle sein eigenes Buch ist, oder Bücher die sich darauf beziehen.

Später wanderte Johnstone nach Kanada aus und gründete das heute noch existente "Loose Moose" Theater. In Kanada gab es auch eine andere Form des improvisierten Wettstreits zwischen zwei Theatermannschaften, der auch in Frankreich, Spanien, Italien, etc. weit verbreitet ist. Es herrscht Uneinigkeit darüber, wer nun wirklich zuerst damit angefangen hat.

Die verschiedenen heute praktizierten Formen des Improvisationstheaters lassen sich nämlich fast ausnahmslos auf die im Jahre 1955 in Chicago gegründete studentische Schauspielgruppe "The Compass" zurückführen. Diese engagierte Gruppe erweckte die Prinzipien der Commedia dell'Arte zu neuem Leben und führte - inspiriert durch Bertolt Brechts Theatertheorien – nach so genannten Scenarios gesellschaftskritische, satirische Improvisationen auf. Darüber hinaus wurden nach Vorgaben des Publikums kurze Szenen improvisiert. Die ersten Ursprünge des improvisierten Spiels liegen jedoch noch viel tiefer in der Vergangenheit, nämlich im Ursprung der Kunstform Theater selbst. Allerdings trat die Improvisation im Laufe der Geschichte mit der Entwicklung einer Theatertradition immer mehr in den Hintergrund. Sie wurde zwischenzeitlich zwar wieder entdeckt – ähnlich wie die Improvisation in der Musik -, hatte und hat bis heute jedoch noch oft damit zu kämpfen, als eigenständige Kunstform anerkannt zu werden, deren Berechtigung nicht nur in der Probenarbeit des regulären Theaterbetriebs und in der Schauspielausbildung liegt, sondern in der Bühnenpraxis selbst.

Im Mimus im antiken Griechenland und bei der Commedia dell'Arte spielte Improvisation eine tragende Rolle. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es weitere Experimente, z.B. das Stegreiftheater, das Jakob Levy Moreno mit psychotherapeutischen Zielsetzungen zunächst in Wien und später in den USA zum psychodramatischen Rollenspiel weiterentwickelte. Allerdings kann keine direkte Verbindung zu den oben erwähnten späteren Spielformen gezogen werden, die Compass-Players haben sich nicht mit den Stegreiftheater-Experimenten befasst.

Formen

  • Kurzformen: Die jeweilige Szene dauert nur wenige Minuten. Hier gibt es viele dutzende von Spielen ( siehe unten ). Die kurzen Szenen werden in der Regel auch beim Theatersport benutzt.
  • Theatersport: Beim Theatersport treten zwei Mannschaften in verschiedenen Disziplinen gegeneinander an und versuchen, durch besonders gute Szenen die Gunst des Publikums zu erlangen.
  • Harold: Impressionen über ein Thema, oft auch mit autobiographischen Elementen der Schauspieler
  • Krimi: Ein Krimi, bei dem ein Mord geschieht. Die auftretenden Charaktere werden dabei von den Zuschauern bestimmt. Nach dem Mord darf das Publikum entscheiden, wer der Mörder war.
  • Improvisation mit Regisseur: Ein längeres Theaterstück, bei dem ein Regisseur eingreifen kann.
  • Impro-Soap: Eine improvisierte Soap-Opera
  • Biographietheater: Ein geladener Gast erzählt aus seinem Leben. Diese Geschichte wird gleichzeitig improvisiert.
  • Impro-Oper: Improvisierte Oper, mit Arien, Duetten, Chören.
  • Playback Theater

(Der Begriff "Theatersport" wurde von Keith Johnstone rechtlich geschützt und darf nur mit dessen Genehmigung (die an einige Auflagen gebunden ist) für Auftritte verwendet werden.)


Impro-Spiele

Nachfolgend eine kleine Auswahl verschiedener Kurzspiele im Improvisationstheater :

Freeze-Take ( Einfrieren & Übernehmen ) ( auch Kettenimprovisation genannt )
Zwei Spieler beginnen eine Szene nach einer Vorgabe des Publikums ( bspw. wird ein Ort, ein Gefühl oder Gegenstand vorgegeben ). Nach einer gewissen Zeitspanne wird die Szene von außen durch einen weiteren Impro-Spieler abgeklatscht, d.h. „eingefroren“ - die Spieler verharren augenblicklich in ihrer Bewegung. Ein Spieler von außen betritt nun die Bühne und ersetzt einen der vorigen Spieler. Der neue Spieler „übernimmt“ die genaue Haltung, Gestik und Mimik seines Vorgängers, und beginnt nun aus dieser Position heraus mit einem neuen Impuls eine neue Szene.

Gefühlsquadrat
Die Bühne wird in vier quadratische Bereiche eingeteilt. Jedem der Bereiche wird durch Publikumszuruf ein „Gefühl“ zugeordnet ( bspw. Hass, Liebe, Eifersucht, Trauer ). Nun gibt das Publikum bspw. noch einen Ort vor, an dem die zu improvisierende Szene entstehen soll. Die Spieler entwickeln nun eine zusammenhängende Geschichte, wobei sich die Charaktere frei auf der Bühne bewegen können, jedoch je nach Standort ( „Gefühlsquadrat“ ) Ihre Rolle unterschiedlich ausspielen, also in der entsprechenden Emotion einfärben.

Wachsen und Schrumpfen
Ein Spieler beginnt alleine auf der Bühne mit der Improvisation auf Basis eines vom Publikum zugerufenen Begriffs, wie einem Ort oder einem Beruf. Die Szene läuft, bis ein weiterer Impro-Spieler „Stop“ ruft und nun die Bühne betritt. Der neue Spieler bringt auch einen neuen Impuls, es beginnt eine vollkommen neue Geschichte. Dies geht solange bis alle Impro-Spieler auf der Bühne sind. Nun verabschiedet sich der zuletzt gekommene Spieler mit einem zur Situation passenden Abgang von der Bühne, die übrigen Spieler fallen wieder in die vorige Szene zurück und spielen diese weiter. Dies geht solange, bis der allererste Im-pro-Spieler wieder alleine auf der Bühne steht und nun seine Szene kurz weiter-spielt und zum Ende führt.

Typewriter ( Der Autor )
Das Publikum gibt einen Titel für eine Geschichte vor ( bspw. „Krawattenkauf in der Sahara am Sonntag“ ). Einer der Impro-Spieler ( der Autor ) entwickelt nun aus diesem Titel Seite für Seite einen Roman. Auf wundersame Art und Weise wird jedoch seinen Worten sofort Leben eingehaucht, die Szenen die er laut vor sich hinsprechend in seine imaginäre Schreibmaschine tippt, werden von den an-deren Impro-Spielern sofort mit Leben gefüllt und entstehen live auf der Bühne.

ABC-Spiel
Zwei Spieler entwickeln zusammen eine einfache, frei improvisierte Szene, wobei bei jedem Sprecherwechsel oder bei jeder längeren Pause mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets begonnen werden muss. Der erste Satz beginnt also mit „A“, der letzte mit einem „Z“. Natürlich funktioniert dieses Spiel auch rück-wärts !

Die Reklamation / Der Umtausch
Ein Impro-Spieler muss kurz vor die Tür. In der Zwischenzeit bestimmt das Publikum einen Gegenstand, den derjenige nun reklamieren muss ( bspw. einen „Briefmarkenbefeuchtungsmaschinen-Schwamm“ ). Jeder kennt diesen Gegenstand, der Verkäufer, das Publikum – nur eben der Umtauschende nicht. Durch geschicktes Fragen ist es nun Aufgabe des „Umtauschers“ zu erraten, welchen Gegenstand er denn nun eigentlich umtauscht.

Dia-Show
Ähnlich wie beim Typewriter-Spiel gibt das Publikum ein Thema für einen spannenden Dia-Abend vor ( bspw. „Expedition im Münchner U-Bahn-Netz“ ). Der Moderator legt nun imaginäre Dia´s ein, und erklärt diese. Auf Basis dieser Erklärungen stellen die anderen Impro-Spieler blitzschnell die entsprechende Szene, die das Dia zeigt. Natürlich geht´s auch andersherum - die Impro-Spieler stellen eine Szene und der Moderator sollte nun recht schnell für das Publikum eine Erklärung parat haben.


Bekannte Gruppen

Eine nahezu vollständige Liste über alle Improvisationstheater-Gruppen weltweit findet sich bei www.improvland.com. Auftrittstermine und Links zu Improgruppen gibts zusätzlich noch bei www.gromolo.de und bei improhh.literatten.net

Literatur

  • Workshop Improvisationstheater von Radim Vlcek, 276 Seiten
  • Viola Spolin. Improvisationstechniken - für Pädagogik, Therapie und Theater. Verlag Junfermann
  • Doug Nunn. Show ab!. Buschfunk
  • Keith Johnstone. Improvisation und Theater. Alexander Verlag
  • Keith Johnstone. Theaterspiele. Spontaneität, Improvisation und Theatersport. Alexander Verlag
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