Katharsis (Literatur)

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Die Katharsis (griechisch κάθαρσις, „die Reinigung“) meint nach der aristotelischen Definition der Tragödie in der Poetik die emotionale, körperliche, geistige und auch religiöse Reinigung. Durch das Durchleben von Jammer und Schauder (von griechisch eleos und phobos, auch "Mitleid" und "Furcht" übersetzt) erfährt der Zuschauer der Tragödie als dessen Folge eine Läuterung seiner Seele von diesen Leidenschaften.

Die Interpretation der konkreten Bedeutung und Ausgestaltung des Reinigungsbegriffes bei Aristoteles war und ist umstritten. Folgende Möglichkeiten sollen hier als Beispiel dienen und stellen zugleich eine (zeitliche) Entwicklung dar:

Inhaltsverzeichnis

Erziehung zu einer stoischen Haltung gegenüber dem Schicksal

Diese Vorstellung wurde von Martin Opitz im 17. Jahrhundert entwickelt und bezieht sich einerseits auf die Philosophie der Stoiker sowie der urspr. griech. Tragödie, in der der Mensch einem zerstörenden Schicksal ausgeliefert ist, aber die Größe besitzt, dieses von den Göttern verhängte Schicksal auf sich zu nehmen (bspw. Ödipus). Durch die Tragödie und die aus der Präsentation entstehende Katharsis sollte auch der Zuschauer zu einer stoischen Haltung angeleitet werden. Diese Vorstellung passte zu christlichen Vorstellungen des 17. Jahrhunderts und zu dem von Opitz aufgestellten ästhetischen Grundsatz, dass die Poesie, indem sie ergötze, zugleich nützen und belehren müsse.

Die Reinigung der Leidenschaften im Zuschauer durch Mitleid und Furcht

Diese Vorstellung wurde ursprünglich von Pierre Corneille (17. Jahrhundert) entwickelt. Der Konflikt zwischen Leidenschaft und Pflicht wird vom heroischen Willensmenschen ganz im Sinne der Ethik von René Descartes zugunsten der Pflicht entschieden. Auch Gotthold Ephraim Lessing vertrat in seiner Hamburgischen Dramaturgie das Konzept der Reinigung durch Furcht und Mitleid, um die moralische Erziehung des Publikums zu unterstützen; denn der moralischste Mensch sei der mitleidende Mensch, der das Schicksal für sich selbst fürchtet. Der Zuschauer leidet mit dem Helden mit (bspw. in Horace) und reinigt sich so von seinen eigenen Leidenschaften. So wird es ihm erleichtert, selbst ethisch zu handeln.

Ausgleich statt Reinigung

Goethe (18. Jahrhundert) bezieht die Katharsis nicht mehr auf den Zuschauer, sondern auf die Personen des Stückes und sieht in ihr ein Ausgleichen der Leidenschaften. Im Sinne der Harmonie und Humanität wird im Sinne der Ideale der Klassik eine Verbindbarkeit von „Pflicht“ und „Neigung“ (Vernunft und Gefühl) angestrebt, die keine Menschenopfer kostet (bspw. Iphigenie auf Tauris).

Weitere Entwicklung und Fazit

Die bis ins 18. Jahrhundert vorherrschende moralisierende Interpretation der Katharsis versteht also die psychische Veränderung vor allem als Vorbereitung für eine moralische Verbesserung. Modernere psychologisierende Deutungen geben der Veränderung eher den Sinn eines Abbaus psychischer Spannungen. Im Psychodrama nach Jakob Levy Moreno soll moralisch wertfreier die Katharsis nach der Maxime „Jedes wahre zweite Mal ist wie das erste Mal“ zu einer Neuorientierung der Lebensgrundsätze sowohl bei Zuschauern wie auch Protagonisten des psychodramatischen Spiels führen.

In Bezug auf die Entwicklung des deutschen Theaters polemisierte vor allem Bertolt Brecht in seiner Theatertheorie (episches Theater) gegen die Katharsis und forderte einen distanzierten Zuschauerblick. (Post-)modernes Theater ist zunehmend geprägt von fragmentarischen Katharsis-Effekten, die allerdings auf keinen dramaturgischen oder moralischen Nenner mehr zurückzuführen sind.

Literatur

  • Luserke, M. (Hrsg.): Die aristotelische Katharsis: Dokumente ihrer Deutung im 19. und 20. Jahrhundert, Hildesheim 1991.
  • Lessing, G.E.: Hamburgische Dramaturgie (1768/69).
  • Schiller, F. Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen (1792).
  • Michels, H.: Reinigt die Welt, sie braucht es! Kathartische Theatralität in Manifesten und Programmen der klassischen Avantgarde. Berlin 2006.
  • Lüthe, R.: „Katharsis“, in: Prechtel, P. & Burkard, F.-P. (Hrsg.): Metzler Verlag Philosophie Lexikon. Stuttgart 2004. ISBN 3-476-90085-1

Siehe auch

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