Komik

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Komik (gr.: komikos, von komos "Festzug") bezeichnet das Komische, und damit menschliches Verhalten oder Sprechen, aber auch Kunstprodukte (wie Texte, Filme oder Zeichnungen), die Gelächter oder Erheiterung hervorrufen oder hervorrufen wollen. Grundsätzlich kann über Komik gesagt werden, dass sie Erwartungshaltungen durchbricht. Die überraschende Konfrontation mit Missverhältnissen oder -verständnissen zeitigt unwillkürliches Lachen. Inhalte und Grenzen der Komik (die sich z. B. in der Frage "Was darf Satire?" äußern) werden von den ethischen und medialen Vorstellungen einer Gesellschaft bestimmt. Komik kann als systemerhaltend bezeichnet werden, weil sie zur seelischen Entlastung beiträgt - man kann ihr aber auch (system)zerstörerische Eigenschaften zuschreiben: Komik kann für ideologische Zwecke (z. B. in der Propaganda) missbraucht werden, sie kann Toleranzgrenzen überschreiten (z. B. in der Satire). Auch das Lachen wird einerseits als positive, egalisierende, andererseits als aggressive, unkontrollierbare Instanz beschrieben. Komik zeigt menschliche Schwächen auf und erhebt sich über andere. Komik (oder Komisches) ist in der Literatur, im Theater, im Film und in der bildenden Kunst zu Hause. Komische Musik gibt es per definitionem nicht, weil Musik als tendenzlose Kunst gilt und Komik immer eine Tendenz hat; und sei es nur die, Lachen hervorzurufen.

Inhaltsverzeichnis

Komiktheorie

Komiktheorie bezeichnet die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Komik. Komiktheorie ist interdisziplinär angelegt, es können also sowohl literatur- und kulturwissenschaftliche als auch soziologische oder medizinischen Fragestellungen an sie herangetragen werden. Auch die Linguistik interessiert sich für komische Phänomene. Besondere Beachtung verdienen die verschiedenen Diskursfelder des Lachens, des Humors, der Komik allgemein. Robert Gernhardt unterscheidet beispielsweise: „Humor ist eine Haltung, Komik das Resultat einer Handlung.“ Dazu gehört auch die Auseinandersetzungen mit den literarischen und anderen künstlerischen Gattungen komischer Provenienz, also z. B. die Komödie, der Witz, der Cartoon, das Kabarett etc. Auch müssen verschiedenen Begriffe und Kategorien wie Ironie, Sarkasmus, Zynismus, Burleske, Satire, Groteske, Scherz, Nonsens etc. voneinander abgegrenzt werden.

Ausprägungen

Zum einen sind Kontrasttheorien zu benennen, die v.a. Unterschiede als Auslöser komischer Wirkungen festmachen. Andere Systeme argumentieren mit Umkehrungen, mit der Veränderung von Machtstrukturen, mit sozialen Dimensionen, dem Vexierspiel von Eindrücken, mit Normbrüchen; dem Drang nach Freiheit, der sich in der Komik artikuliert; mit Bewegung und Erstarrung, schnellem Wechsel, Angstgefühlen oder kultureller Zugehörigkeit. Die große Vielfalt der Humorerscheinungen, ihrer Zielrichtungen, Verfahren, Anlässe und Ausdrucksformen erschweren eine Einordnung. Bis heute ist keine umfassende Theorie der Komik (und des Humors) entwickelt worden.

Geschichte

Die Komiktheorie setzt mit Aristoteles ein, der Komik als eine unschädliche Ungereimtheit auffasst. Er stellt fest, dass das Gelächter nur dem Menschen zukommt und damit ein Alleinstellungsmerkmal ist. Im fünften Kapitel seiner Poetik beschreibt Aristoteles das Komische als Nachahmung eines "mit Häßlichkeit verbundenen Fehlers" des Denkens, Handelns oder Sprechens. Er grenzt die Komik damit von der affektiven Wirkung der Tragödie ab. Sein Buch zur Komödie ging verloren (s. "Der Name der Rose"). Bei Horaz finden sich Reflexionen über das Satyrspiel (in der Ars Poetica). Im Barock definieren die Regelpoetiken neben Ständeklausel und Fallhöhe auch die Bedingungen für komische Effekte, so z. B. bei Martin Opitz. Shakespeare steuerte das Diktum bei, das die Kürze die Seele des Witzes sei. Thomas Hobbes fasst Lachen als Akt der Selbstaffirmation und thematisiert damit Machtverhältnisse zwischen Menschen. Bei Kant findet sich eine Definition des Lachens als "Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts", KU § 54 (II 190). Jean Paul kritisiert diese Auffassung und setzt den Gegensatz zwischen Lächerlichem und Erhabenem als maßgeblich für komische Effekte. Bei Hegel (wie auch bei anderen Philosophen des deutschen Idealismus) wird Komik als Bewusstseinsvorgang verstanden, in dem sich die subjektive Freiheit ausdrückt. Schopenhauer fasst das Komische kontrastiv als "plötzliche Wahrnehmung einer Inkongruenz", während F. T. Vischer einen dialektischen Kontrast zwischen "Idee und sinnlicher Erscheinung" beschreibt. Von ihm stammen die Sätze "Jeder Witz muss schnell sein" und die "Tücke des Objekts". Für Baudelaire ist das Komische mit dem Grotesken gleichzusetzen, bei Bergson ein Mechanismus, der das Lebendige überdeckt. Theodor Lipps wiederum bestimmt es als "Negation, ein Zunichtewerden in unseren Augen."

Freuds Komiktheorie

Sigmund Freuds einflussreiche Schrift "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" beschäftigt sich mit Technik, Tendenzen und Motiven des Witzes, den Lustmechanismen und der Psychogenese des Witzes - aber auch der sozialen Komponente. Ein Kapitel behandelt 'Die Beziehung des Witzes zum Traum und zum Unbewußten'. Dort vergleicht Freud den Witz mit dem Traum: Die Traumbildung steht im Dienst der Unlustersparung. Was im Traum vermummt daherkommt, tritt im Witz offen zutage: Er dient dem Lusterwerb. Halten sich unterdrückte Tendenz und Abwehr die Waage, so gibt die witzige Vorlust durch spielerische Aufhebung von Verdrängungen den Ausschlag zur Entbindung neuer, größerer Lust. „Eine Möglichkeit der Lustentwicklung tritt zu einer Situation hinzu, in welcher eine andere Lustmöglichkeit verhindert ist, so dass diese für sich allein keine Lust ergeben würde; das Ergebnis ist eine Lustentwicklung , die weit größer ist als die der hinzugetretenen Möglichkeit.“ Die psychischen Energien, die sich im Lachen lustvoll entladen, entstammen der Erleichterung des schon bestehenden und der Ersparung an erst noch aufzubietendem Hemmungsaufwand: „Lachen entsteht, wenn ein früher zur Besetzung gewisser psychischer Wege verwendeter Betrag von psychischer Energie unverwendbar geworden ist, so dass er freie Abfuhr erfahren kann.“

Komiktheorie heute

Aufschlussreich sind die zeitgenössischen Theorien von Plessner (Komik als Reaktion auf die Ambivalenz der menschlichen Existenz), Wolfgang Iser ("Jede Position lässt die andere kippen"), Robert Gernhardt ("Feldtheorie des Komischen", die vor allem die anarchische Urkraft des Witzes feiert), die Poetik-Vorlesungen von Wilhelm Genazino ("Über das Komische") und die zahlreichen komikkritischen Bemerkungen im Werk von Max Goldt ("Humor ist eigentlich etwas, was man hat, wenn man alleine ist."). Auch die Satirezeitschrift Titanic hat durch die Hans Mentz Humorkritik ein "Forum der Beobachtung und Theoretisierung der Komikproduktion. ... Insbesondere Gernhardt, Henscheid und Eilert, aber auch andere Autoren, konnten unter diesem Pseudonym Arbeiten ihrer Kollegen und Konkurrenten beurteilen, unfreiwillig komische Fundstücke vorstellen, die deutsche und internationale Komikproduktion bekannt machen und die Funktionsweisen von Komik analysieren." (M. F. Erdl).

Kritik der Komiktheorie

"Komisch ist etwas oder muß es sein, mit dem man - grausamer- und angenehmerweise - nicht fertig wird, schon gar nicht durch eine Theorie", schreibt Odo Marquard, und Klaus Cäsar Zehrer ergänzt: "Nicht nur einzelne wissenschaftliche Arbeiten, die wissenschaftliche Denkweise als solche kommt mit dem Komischen nur schwer zurande. Aus ihrer wesenseigen humorlosen Warte kann sie es nicht anders denn als 'Problem' betrachten." Bernd Eilert setzt wissenschaftskritisch hinzu: "Daß Komik allein aus dem Gegensatz, der Unvereinbarkeit, der Entfernung, der Abweichung, der Verweigerung zu erklären sei und von normativen Vorgaben stets abhängig bleibe, ist ein Vorurteil, an dem Theoretiker fest kleben."

Siehe auch

Wikiquote-trans 135px ohne text.png Das Wikiquote-Projekt sammelt Zitate: Komik

Literatur

  • Bachtin, Michail: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt/M. 1990.
  • Baudelaire, Charles: Vom Wesen des Lachens. In: Ders.: Sämtliche Werke/Briefe. Hrsg. v. Friedhelm Kemp u. Claude Pichois in Zusammenarbeit mit Wolfgang Drost. Bd. 1. München 1977. S. 284 - 305.
  • Berger, Peter L.: Erlösendes Lachen: das Komische in der menschlichen Erfahrung. de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3110155613
  • Bergson, Henri: Das Lachen. Darmstadt 1988.
  • Bohtz: Über das Komische und die Komödie. Götting. 1844
  • Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. London 1940.
  • Freud, Sigmund: Der Humor. In: Ders.: Studienausgabe. Hrsg. v. Alexander Mitscherlich, Angela Richards u. James Strachey. Bd. IV. Frankfurt/M. 1970. S. 275 - 282.
  • Gernhardt, Robert: Was gibt's denn da zu lachen? Zürich, 1988.
  • Genazino, Wilhelm: Der gedehnte Blick. München, 2004
  • Hecker: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen. Berlin 1873
  • Hirsch, Wolfgang: Das Wesen des Komischen. Amsterdam u. Stuttgart 1959.
  • Hirsch, Eike Christian: Der Witzableiter. Hamburg 1985.
  • Horn, András: Das Komische im Spiegel der Literatur. Versuch einer systematischen Einführung. Würzburg 1988.
  • Jünger, Friedrich Georg: Über das Komische. 3. Aufl. Frankfurt/M. 1948. [1. Auflage: ebenfalls 1948]
  • Kraepelin, Emil: Zur Psychologie des Komischen, Wissenschaftlicher Verlag, Schutterwald/Baden 2001
  • Lamping, Dieter: Ist Komik harmlos? Zu einer Theorie der literarischen Komik und der komischen Literatur. In: literatur für leser (1994) Nr. 2. S. 53 - 65.
  • Lipps, Theodor: Komik und Humor. Eine psychologisch-ästhetische Untersuchung. Hamburg u. Leipzig 1898. (= Beiträge zur Ästhetik. VI.)
  • Marquard, Odo: Exile der Heiterkeit. In: Das Komische. Hrsg. v. Wolfgang Preisendanz u. Rainer Warning. München 1976. S. 133 - 151.
  • Paul, Jean: Vorschule der Ästhetik. Hamburg, 1990.
  • Pfister, Manfred: Bibliographie zur Gattungspoetik (3). Theorie des Komischen, der Komödie und der Tragikomödie (1943 - 1972). In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur 83 (1973) S. 240 - 254.
  • Pirandello, Luigi: Der Humor. Mindelheim 1986 u.a.
  • Plessner, Helmuth: Lachen und Weinen. Eine Untersuchung nach den Grenzen menschlichen Verhaltens. München 1950.
  • Preisendanz, Wolfgang u. Rainer Warning (Hrsg.): Das Komische. München 1976.
  • Ritter, Joachim: Über das Lachen. In: Blätter für deutsche Philosophie 14 (1940/41) S. 1 - 21.
  • Speyer: Über das Komische und dessen Verwendung in der Poesie.
  • Vischer, Friedr[ich] Theod[or]: Über das Erhabene und Komische, ein Beitrag zu der Philosophie des Schönen". Stuttgart 1837. [Auch in: Ders.: Über das Erhabene und Komische und andere Texte zur Ästhetik. Frankfurt/M. 1967. S. 37 - 215]

Weblinks

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