Pathos

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Das Pathos (im 17. Jahrhundert entlehnt vom griechischen Neutrum πάθος, páthos, „Leiden(schaft)“, zum Verb πάσχειν, pás|chein, „erdulden“, „erleiden“[1]) bezeichnet in der klassischen Rhetorik seit Aristoteles eines der drei Überzeugungsmittel der Rede. Während Pathos die Rede als emotionalen Appell auf das Publikum hin ausrichtet, bezieht Ethos seine Überzeugungskraft aus der Integrität des Sprechers. Die prágmata (vgl. Logos) schließlich sind Argumente, die der Sache selbst entnommen sind. Jedes beliebige Thema kann auf einen der drei Pole der Rede – oder auf alle zusammen – ausgerichtet werden, um zu überzeugen. Dem jeweiligen Überzeugungsmittel entsprechen auf der Ebene der sprachlichen Ausgestaltung (elocutio) spezielle Techniken. Pathos erreicht man z. B. mit gewagten Metaphern, mit Figuren der Überwältigung, mit Aposiopesen oder Aporien. Auf der Ebene des Vortrags (actio) können Stimmführung, Mimik und Gestik des Redners zum Pathos der Rede beitragen. In der Poetik des Aristoteles bezeichnet Pathos alle emotionalen Handlungen der Tragödie.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung und Gebrauch

Das Wort stammt ursprünglich aus dem Griechischen (páthos) und bedeutet dort „Gemütsbewegung“, „Gefühl“, „Leidenschaft“, „Leiden“. Seit seiner ersten systematischen Definition in der griechischen Rhetorik, die für alle folgenden Traditionen grundlegend ist, hat das Wort vielerlei Bedeutungsveränderungen erfahren.

In den römischen Adaptionen der griechischen Rhetoriklehre (Cicero, Quintilian) bezeichnet Pathos zunehmend nur noch die extremen, überwältigenden Affektwirkungen, die durch die Rede erzeugt werden, während Ethos nun die moderaten emotionalen Wirkungen bezeichnet. Bei Cicero und Quintilian verbindet sich das Überzeugungsmittel auch mit einer bestimmten Aufgabe (movere, „bewegen“) und einem Stil. Dem Pathos entspricht dabei der erhabene Stilgenus grande. Im Text Über das Erhabene (Péri Hýpsous), der früher einem gewissen Longinus zugeschrieben wurde, ist der pathetische Stil, der den Leidenschaften Ausdruck verleiht, zugleich ein möglicher Ausdruck des Erhabenen.Die Kritik verschiebt sich in eine Unterscheidung zwischen angemessenem und unangemessenem Pathos, das Longinus als frostig, pompös oder Scheinraserei (parenthyrson) beschreibt. Letztlich kann nur das Genie des Sprechers die Angemessenheit des Pathos garantieren – eine Idee, die die Grundlage von Longins Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert bildet.

Als potenzielle Gefahr (Manipulation) wird rednerisches Pathos von der Rhetorik selbst begrenzt auf spezielle Themen und immer der ethischen Integrität des Sprechers sowie den eigentlichen Argumenten untergeordnet. Andererseits weisen auch Philosophen wie Platon immer wieder auf die Gefahren hin, die sich mit den Affekten – und ihrer Stimulierung durch Rede und Literatur – verbinden.

Bei Friedrich Schiller wird das Pathetisch-Erhabene zur privilegierten ästhetischen Figuration. In ihm offenbare sich menschliche Freiheit, die die Kunst erfahrbar mache, wenn sie den Widerstand gegen das Leiden ausgestalte. Pathos bezeichnet also nun einen Effekt, der aus der Überwindung des Leidens resultiert, nicht mehr dieses selbst. Pathetisch ist in diesem Sinne der Ausruf von Miltons Lucifer, der sich zum ersten Mal in der Hölle umblickt: „Heil, Schrecken, ich grüße euch!“. Im zeitgenössischen Hollywoodfilm klingt das beispielhaft so:
I see in your eyes the same fear that would take the heart of me. A day may come when the courage of men fails, when we forsake our friends and break all bonds of fellowship – but it is not this day. This day we fight! (Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs).
In euren Augen sehe ich jene Furcht, die auch mich verzagen ließe. Der Tag mag kommen, da der Mut der Menschen versagt, wenn wir unsere Freunde im Stich lassen und der Bund der Gemeinschaft zerbricht – aber dieser Tag ist nicht heute. Heute kämpfen wir! (Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs).

Gegenwärtig steht Pathos unter Verdacht und ist zum (ab)wertenden Schlagwort geworden, etwa in der Film- und Literaturkritik. Der Differenziertheit der Pathos-Begriffe entsprechend kann sich dieser Verdacht gegen äußerst unterschiedliche Phänomene richten. Er gründet etwa nicht nur in neuen Formen der Emotionskritik, sondern richtet sich auch auf die großen Erzählungen (Lyotard), mit denen der Stil traditionell verbunden ist: so etwa bei Schiller die Idee der Freiheit. In diesem Sinne werden z. B. die Filme des amerikanischen Produzenten Jerry Bruckheimer – meist von europäischen Zuschauern – als pathetisch wahrgenommen, verbinden sie doch eindrückliche filmische Mittel mit einem emphatischen Verhältnis zu Konzepten wie Nation, Heldentum oder Heimat.

Wenn „pathetisch“ dagegen im Sinne von „theatralisch“ verwendet wird, weist das zurück auf eine tradierte Stil-Skepsis, die auf der Opposition von Authentizität und Künstlichkeit aufbaut. So fordert die literarische Empfindsamkeit im 18. Jahrhundert gerade die einfache Sprache als Ausdruck „wahrer“ Emotionalität, wodurch elaborierte „pathetische“ Sprachtechniken, wie sie etwa im Barock perfektioniert wurden, in Verruf geraten. In ähnlicher Weise versuchen Autoren-Filmer der Gegenwart gerade mittels der Beschränkung filmischer Technik wieder Pathos im Sinne „authentischer“ überwältigender Emotionalität zu erzeugen (Dogma 95). Der deutsche Manipulationsverdacht gründet sich nach 1945 vor allem auch auf die Kritik an der Rhetorik des Nationalsozialismus.

Einzelnachweise

  1. Kluge Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage

Literatur

  • Norbert Bolz (Hg.): Das Pathos der Deutschen, München 1997.
  • Rainer Dachselt: Pathos. Tradition und Aktualität einer vergessenen Kategorie der Poetik, Heidelberg 2004.
  • M. Kraus, B. K. Vollmann und J. A. Bär: Pathos, in: Gerd Ueding (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 6, Tübingen 2002, Sp. 689-718.
  • Rainhart Meyer-Kalkus: Pathos, in: Joachim Ritter (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 7, Darmstadt 1989, Sp. 193-199.
  • Ulonska, Ulrich: Ethos und Pathos in Hitlers Rhetorik. In: Walter Jens: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch. Tübingen 1997. http://www.dr-ulonska.de/html/walter_jens.html
  • Ulonska, Ulrich: Zur Rhetorik der Affekte. In Sprechen II/2995. Regensburg. http://www.dr-ulonska.de/html/afekte.html
  • Volker Gerhardt: Pathos und Distanz

Siehe auch

Weblinks

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