Regietheater

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Der Begriff Regietheater, als Schlagwort seit den 70er Jahren in meist abfälligem Sinn gebräuchlich, bezeichnet eine sehr heterogene Strömung des modernen Theaterlebens, deren gemeinsamer Zug die starke Dominanz des Regisseurs bei Theateraufführungen ist. Dabei wird teilweise stark von der Vorlage (Textbuch, Libretto) abgewichen. Die Vorlage dient als freies Material, zur Verwirklichung ganz persönlicher Ideen des Regisseurs. Die Inszenierung ist vielfach bewusst gegen die grundlegenden Intentionen des Autors und den immanenten Gehalt des Stücks gerichtet.

Das Phänomen, das viele für eine vorübergehende Modeerscheinung halten, ist in Deutschland vor allem beim Sprechtheater stark verbreitet. Es hat aber auch an vielen Opernhäusern zur freien Bearbeitung und Verfremdung der Klassiker geführt.

Inhaltsverzeichnis

Kritik

Zu den wichtigsten Vorwürfen gegenüber einem Regisseur, die dazu führen können, dass seine Inszenierung abfällig als Regietheater bezeichnet wird, gehören die folgenden:

  • Die Inszenierung verletzt die Intentionen des Autors (im Musiktheater auch: des Komponisten). In diesem Zusammenhang werden insbesondere kritisiert: Willkürliche Zusätze und/oder Kürzungen, Verlegung der Handlung an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit.
  • Die Inszenierung lenkt vom eigentlichen Gehalt des Werkes ab. Dieser Vorwurf ist insbesondere im Musiktheaterbereich verbreitet, wo Regisseuren gelegentlich die Ablenkung von der Musik vorgeworfen wird, kommt aber auch im Sprechtheater vor, wo er sich meist auf das Einfügen von Szenen, die vermeintlich nichts mit dem eigentlichen Werk zu tun haben, bezieht.
  • Die Inszenierung enthält Einlagen, die für das Werk vermeintlich entbehrlich sind. Kritisiert werden in diesem Zusammenhang beispielsweise das Zurschaustellen von Nacktheit oder unverhältnismäßiger Brutalität um ihrer selbst willen.

Nach F.E. Hoevels stützt sich das Regietheater auf vier unverzichtbare Mittel, um seine Ziele zu erreichen:

"1) breite, aufwendige Herausarbeitung nebensächlicher oder sogar nur hypothetischer, jedesmal strikt unwesentlicher Intentionen des Autors; 2) strenge Enthistorisierung der Kostüme und des Bühnenbildes unter Vermeidung jeder Einheitlichkeit oder Stimmigkeit – auch eine falsche historische Orientierung muß vermieden werden; 3) Einschaltung möglichst ephemerer Gegenwartsbezüge mit konformer Tendenz, hilfsweise auch von Bezügen auf ein mythisiertes 3. Reich, am besten unter Hervorhebung peripherer Handlungsteile; 4) extrem umständliche und lange Herausarbeitung von »Pointen« weit über die Zeit hinaus, die zu ihrem Verstehen nötig ist (»oleata pro caricatura«, »ein Ölbild statt einer Karikatur«: singen z.B. Nebenpersonen ein Trinklied mit der Zeile: »Im Winter ist es kalt«, danach »Im Sommer ist es heiß«, so hat ein Bühnenarbeiter o.ä. von einer Leiter aus längere Zeit Schneeflocken zu streuen bzw. eine Heizsonne anzuschalten, als wäre dieser Aufwand der Verdeutlichung eines schwierigen Textes dienlich, usw.)." (Lit.: Hoevels, Regietheater)

Mit dem Begriff des Regietheaters in seiner ursprünglichen, negativen Bedeutung, ist eng verknüpft der Vorwurf, dass die Zunahme von vermeintlichen Regietheater-Inszenierungen zu einer Verschlechterung der Qualität in der deutschsprachigen Theaterlandschaft führe.

Regisseure, die ihre Inszenierungen bewusst und im positiven Sinn als Regietheater-Inszenierungen bezeichnen, betonen damit die vermeintliche Notwendigkeit, Werke der Vergangenheit neu zu deuten. Dahinter steht der Gedanke, dass ein heutiges Publikum anders sozialisiert sei als das Publikum zur Zeit der Uraufführung eines Werkes. Es müsse entsprechend anders angesprochen werden, um denselben Effekt zu erzielen. Das Bekenntnis zum Regietheater von Seiten eines Regisseurs beinhaltet insbesondere die Auffassung, dass die oben kritisierten Stilmittel wie Zusätze und/oder Kürzungen, Verlegung der Handlung u.ä. zu diesem Zweck zwingend erforderlich sind.

Außerhalb des deutschen Sprachraumes ist das Phänomen Regietheater weniger stark verbreitet. Im Schauspiel hat die Tendenz, Aufführungen zunehmend mit ursprünglich nicht zum Werk gehörenden Fremdtexten und improvisatorischen Techniken oder auch mit Videozuspielungen zu bereichern, inzwischen dazu geführt, dass Regietheater als polemischer Begriff mehr oder weniger obsolet geworden ist. "Inzwischen kann ja am Theater jeder machen was er will, aber in der ganzen Welt wird das deutsche Regietheater inzwischen verlacht", sagte der Regisseur Peter Stein am 11. September 2007 in einem Interview.

Regietheater in der Oper

Bis etwa 1800 war Operntheater vor allem Uraufführungstheater. Komponist und Publikum lebten in derselben Zeit und somit in derselben Gesellschaft. Die Konventionen und "Spielregeln" für Theater waren für Aufführende wie Zuschauer allgemein klar. Mit der Aufführung auch älterer Werke bildete sich im 19. Jahrhundert das Repertoire-Theater, das neben neuen Werken auch diejenigen historischen Opern aufführte, die in ihrer Zeit ein Publikum fanden. Hierbei änderte sich der Theaterstil der Aufführung gegenüber der Zeit ihrer Entstehung oft erheblich, da sich die Sicht der Zeit auf Stoffe, Themen und Motive und auch die angewandten technischen Hilfsmittel bis hin zur Bauweise der Musikinstrumente verändert hatten. Die Werke Mozarts z. B. erfuhren im 19. Jahrhundert eine deutliche Romantisierung und Verfälschung (etwa bei Così fan tutte). Je weiter Entstehung und Aufführung eines Werkes zeitlich auseinander klafften, desto mehr bedurfte es der Interpretation eines Werkes. Dies führte schließlich zum Beruf des Regisseurs, also eines künstlerischen Gesamtleiters einer Opernaufführung, der Spielweise und ästhetische Gestaltung des Werkes in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten festlegt.

Unter den Schlagworten "Werktreue" und "Regietheater" lassen sich zwei gegensätzliche Positionen zur Aufführung von Opern heute fassen, die unter Zuschauern und Künstlern oft heftig und kontrovers gegeneinander gestellt werden.

  • Werktreue. Anhänger der Auffassung, dass eine Oper "werktreu" aufgeführt werden solle, vertreten die Auffassung, dass die Absicht der Autoren eines Werkes für die Aufführung eine Gültigkeit hat und eine Oper entsprechend aufzuführen sei. Da die Autoren meist nicht mehr am Leben sind und es auch keine Ton- oder Bildaufzeichnungen aus deren Zeit gibt, ist nicht immer einfach, herauszufinden, was die Absicht der Autoren gewesen ist. Oft bezieht sich das Postulat der Werktreue daher auf eine Aufführungstradition, namentlich auf diejenige aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, fast immer sind Bühnenbild und Kostüm hier die maßgeblichen Kriterien für die Beurteilung. Zweifellos kann die Herangehensweise an eine Oper zunächst beim Werk und seiner Analyse beginnen. Ziel der Gestaltung ist dann vorrangig die Aufführung des Werkes selbst und seiner Inhalte im Sinne des Werkes. Hierfür ist der Begriff "Werkgerechtigkeit" wohl treffender als der der "Werktreue".
  • Regietheater. Bei vielen Regisseuren steht bei einer Opernaufführung der Bezug zur heutigen Zeit und Gesellschaft oder zu ihrer eigenen Person im Vordergrund. Oftmals versuchen diese, eine Gestaltung zu wählen, die optisch einen deutlichen Bezug zur Jetztzeit hat. Aspekte des Werkes, die nur in der Entstehungszeit klar verständlich waren, werden interpretiert - oder uminterpretiert. Die Aufführungen dieser Regisseure können den Charakter von Werkbearbeitungen annehmen, bei denen die persönliche Interpretation durch den Regisseur das Werk überdeckt. Hierfür hat sich der Begriff Regietheater etabliert. Da seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch zunehmend im Schauspiel ausgebildete Regisseure Opern inszenieren, treten zuweilen musikalisch-praktische Notwendigkeiten in den Hintergrund.

Zwischen diesen beiden Polen steht heute jede Opernaufführung. Der Anspruch der meisten Künstler in der Oper ist jedoch, gleichermaßen dem Werk und der heutigen Realität gerecht zu werden. Der Regisseur Adolf Dresen hat hierzu (sinngemäß) formuliert: Die Werktreue ist für eine Oper ebenso schädlich wie die Werkverwurstung. Ein weiterer, gern zitierter Ausspruch mit Bezug auf die Diskussion zum Thema Werktreue besagt: Tradition ist die Weitergabe des Feuers, und nicht die Anbetung der Asche.

Eine immer wieder neue Herausforderung für Regisseure bietet Bayreuth mit den Werken Richard Wagners. Da der Kanon der bei den Festspielen gespielten Werken seit über 100 Jahren auf dieselben zehn Wagner-Opern begrenzt ist, tritt die jeweilige Neudeutung der Werke in der "Werkstatt Bayreuth" naturgemäß in den Vordergrund.

Literatur

  • Fritz Erik Hoevels: Die sogenannten modernen Operninszenierungen (Ketzerbriefe 49), Ahriman Verlag, Freiburg 1994
  • Dombois, Johanna / Klein, Richard: Das Lied der unreinen Gattung. Zum Regietheater in der Oper. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 61. Jg. (Okt. 2007), Heft 10 [= Gesamt-Nr. 701), S. 928-937
  • Klein, Richard: Über das Regietheater in der Oper – keine Sammelrezension, in: Musik & Ästhetik 2007, April, S. 64-79.
  • Zabka, Thomas: Das wilde Leben der Werke. In: Thomas Zabka / Adolf Dresen, Dichter und Regisseure. Bemerkungen über das Regietheater. Göttingen 1995

Weblinks

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