Rhetorik

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Gegenstand der Rhetorik (griechisch ρητορική [τέχνη], rhetorikè (téchne) - die Redekunst) ist es, „die Möglichkeiten zu erforschen und die Mittel bereitzustellen, die nötig sind, die subjektive Überzeugung von einer Sache allgemein zu machen“ (Ueding / Steinbrink). Auch: „Die Kunst der (freien, öffentlichen) Rede.“

Inhaltsverzeichnis

Europäischer Ursprung

Die Rhetorik ist die Lehre von der wirkungsvollen Gestaltung einer Rede. Ihre Tradition spannt sich von der griechischen Antike bis ins 19. Jahrhundert. Im antiken Griechenland und Rom gab es ausgefeilte Rhetoriken, die die Schritte von der gedanklichen Verarbeitung des Stoffes bis zum Vortrag regelten.

Erste Spuren dieser Kunst finden sich bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. bei den Vorsokratikern. Die Wahrscheinlichkeitsargumentation wurde, wie Aristoteles anmerkt, bereits von Korax entwickelt. Wesentliche Elemente der Rhetorik wie Beweismittel, Indizien und Schlussfolgerung, Überredung und der richtige Zeitpunkt eines bestimmten Argumentes tauchen hier bereits auf, wenn auch noch nicht systematisiert.

Auch in Platons Dialogen werden Auseinandersetzungen über die Redekunst geführt. Die zentrale Unterscheidung ist dabei die zwischen Philosophen und Sophisten. Der Unterschied ist ethisch: Dem Sophisten geht es nur um die Überredungskraft der Rede, selbst wenn das Gegenüber von etwas Falschem oder Widersprüchlichem überzeugt werden soll. Diese Position ist zwar erfolgreich, aber moralisch fragwürdig; dem wahren Philosophen kann es nur darum gehen, durch die Rede zur Wahrheit hinzuführen. Sokrates wird dabei die Mäeutik zugeschrieben, die "Hebammenkunst" des geschickten Fragens und Ausdeutens von Paradoxen, durch die ein Gegenüber "von selbst" zur Wahrheit findet. Es ist jedoch heute umstritten, ob nicht die gesamten platonischen Dialoge eine Sophistik ganz eigener Art vorführen.

Aristoteles entwickelte als erster eine systematische Darstellung der Redekunst (siehe Rhetorik (Aristoteles)). Er versteht diese als das „Vermögen, für jeden einzelnen Gegenstand und Fall das zu erkennen, was in ihm an Überzeugendem (oder Glaubwürdigem) liegt“. Rhetorik ist die Kunst zu überzeugen und damit wie bei Platon unterschieden von der sophistischen Überredung. Die Rhetorik muss sich zwar nicht immer im Bereich der Wahrheit bewegen, meistens genügt auch die Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit. Sie darf jedoch nicht zur Überredung und Verführung des Publikums gebraucht werden. Aristoteles unterscheidet auch zwischen verschiedenen Anlässen der Rede und den entsprechenden Stilebenen und Argumentationsweisen, die in jedem Falle gebraucht werden können.

Die systematische Rhetorik wurde zu einer langlebigen Textgattung. Die römischen Intellektuellen Quintilian und Cicero übersetzten und ergänzten die aristotelische "Rhetorik" und publizierten eigene Lehrbücher. Im Mittelalter wurden diese Quellen zur Grundlage des Triviums (Grammatik, Dialektik, Rhetorik), das an den Universitäten Europas das Grundstudium und die Grundlage jeder intellektuellen Tätigkeit bildete.

Im Barock verfassten Martin Opitz und Georg Philipp Harsdörffer, aber auch Hunderte von weniger bekannten Dichtern die ersten deutschen Rhetoriken. Sie waren als patriotische Anleitungen zum Gebrauch der deutschen Sprache nach Art der Latein und Griechisch sprechenden Gelehrten gedacht. Die Redekunst galt dabei noch als die Grundlage aller Literaturgattungen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit dem Aufkommen der Genieästhetik unter deutschen Intellektuellen die Rhetorik abgewertet. Reden sollten nunmehr überzeugend wirken, weil sie aus dem Inneren der Seele oder des Herzens flossen, und nicht mehr, weil eine bestimmte Technik möglichst geschickt angewandt wurde. Diese Abwertung führte dazu, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts die Rhetorik als Lehrfach zunehmend verschwand. Goethe selbst, der einer der größten Gegner der rhetorischen Kunstlehre war, hatte dabei selbst eine rhetorische Ausbildung genossen.

Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff "Rhetorik" lange Zeit fast nur im Zusammenhang mit Demagogie gebraucht. Nur an wenigen Universitäten (z. B. der Universität Tübingen) wird sie noch als eigenes Fach gelehrt. Die Sprechwissenschaft und Sprecherziehung beschäftigt sich lehrend und forschend überwiegend mit der angewandten Rhetorischen Kommunikation. In der modernen Linguistik werden rhetorische Fragen z. B. im Rahmen der Gesprächsanalyse behandelt. Inzwischen wurde die rhetorische Tradition auch in der Literaturwissenschaft wieder rehabilitiert. Sie wird dort als textkritisches Wissen eingesetzt, mit dem schriftliche Quellen auf ihre Überzeugungsstrategien hin analysiert werden können. Als Gebrauchsrhetorik (Rhetorik für Manager u. a.) hat sie auch wieder ihren Platz in den Bücherregalen, wenn auch meistens auf den unmittelbaren und manchmal zweifelhaften Gebrauchswert reduziert.

Hauptelemente der Rhetorik

Die Rhetorik ist auch literaturwissenschaftliche Hilfslehre für die zentrale Aufgabe der Hermeneutik. Hier fragt sie nach den Strategien der Darstellung, der Leserführung und der internen Wirkungsabsicht von Texten.

Die Vorbereitungsstufen der Rede werden bezeichnet als rhetorices partes (Teile der Reden, Quintilian) oder als officia oratoris (Aufgaben des Redners). Officia oratoris heißen aber bei Quintilian auch die Wirkungsweisen der Rede: docere (belehren), movere (bewegen), delectare (erfreuen). Von der Idee bis hin zum Vortrag sind fünf Schritte zu durchlaufen:

  • inventio (Erfindung)
  • dispositio (Gliederung)
  • elocutio (Einkleidung der Gedanken in Worte)
  • memoria (Einprägen der Rede)
  • pronuntiatio / actio (Vortrag, stimmliche, mimische und gestische Mittel)

In der klassischen Rhetorik gilt für die Entwicklung einer Rede die Differenz zwischen Gegenständen und Gedanken einerseits und ihrer sprachlichen Formulierung andererseits.

Die Grundformen

Für den freien Vortrag (Monolog) nutzt der Redner verschiedene rhetorische Figuren, Thesen, Prämissen und Argumente. Das Argument steigert hier die Prämisse oder These durch eine gezielte Konklusion, mit der der Redner sein Gegenüber zu überzeugen sucht.

Im Dialog eines Gespräches gewinnt nun die Interaktion besondere Bedeutung. Weit mehr als beim Vortrag, der durchaus auch gewisse Interaktionen bilden kann, hat der Redner nun auf die verbalen und nonverbalen Reaktionen seines Gegenüber zu reagieren. Hierbei spielen gem. Sigmund Freuds Eisbergtheorie gerade die körpersprachlichen Signale als Gradmesser der emotionalen Verfassung eines Gesprächspartners eine besonders große Rolle (und zwar im Verhältnis 1/5 zu 4/5 gegenüber den verbalen Aussage, die mitunter ja widersprüchlich sein kann). Der Körper lügt nicht.

Sind nonverbale und verbale Aussage unstimming, spricht man von Inkongruenz.

Die Dialektik bildet eine noch höher entwickelte Form der Rhetorik. Sie wurde auch durch das griechische Altertum hervorgebracht und geht von einem Dreisatz innerhalb einer Argumentation aus: These, Antithese und Synthese werden zu einem Vortrag zusammengebunden, um (ursprünglich) die Anklage bzw. die Verteidigung vor dem hohen Gericht zu führen.

Ethik und Rhetorik

Die klassische Rhetorik lehrt darüber hinaus auch ethische und moralische Werte. So war es den Studenten im universitären Disput bei Strafe verboten, ihren Standpunkt darzustellen, ohne zuvor den des Gegners sinngemäß und von der Intention her richtig mit eigenen Worten wiederzugeben (die sog. Paraphrasierung).

In der weiteren Betrachtung einer Rede wird der Unterschied zwischen Überzeugen und Überreden deutlich. Während die Überzeugung den kognitiven Bereich des Menschen anspricht und somit i. d. R. länger Bestand hat, gilt als Überreden der apellative affektive Aspekt, also die hauptsächliche Ansprache der Gefühlsebene und der Emotionen bzw. die Nutzung einer Beziehungsebene zur Meinungsbildung. Diese Form hat zwar mitunter eine starke Wirkung, kann jedoch sehr schnell wieder aufgelöst oder gar ins Gegenteil verkehrt werden (Kaufreue).

Wichtig hierbei ist, dass in einer Argumentation grundsätzlich beide Bereiche vorkommen können. Es gibt sowohl sachliche als auch emotionale Argumentationsformen und Mischformen. Diesem Bereich der Rhetorik wird im Verkauf, insbesondere in der Verkaufsethik eine wichtige Rolle zugesprochen.

Die Eristische Dialektik Arthur Schopenhauers befasst sich dem gegenüber mit 38 Formeln der Redekunst, die es dem Redner erlauben, mit Hilfe komplizierter Schlüsse und Umkehrschlüssen, gezielten Übertreibungen oder Taktiken der „Brunnenvergiftung“, den „Gegner“ der Unwahrheit dem Worte nach und mit Hilfe der reinen Logik zu überführen, bzw. Recht zu konstruieren.

Dass dabei die zwischenmenschliche Komponente gezielt ausgeklammert wird und die im Stammhirn verankerten Urinstinkte nach „Rache“ bei dem derart bloßgestellten Menschen geradezu geschärft werden, mag erklären, warum die Eristik von Schopenhauer selbst nicht veröffentlicht wurde, sondern im Nachlassband Julius Frauenstädts 1864 an die Öffentlichkeit gelangte.

Geübte Redner, vor allem in der Kommunikation vor Gruppen, oder vor Gericht, greifen mitunter zur Eristik und werden ebensohäufig im gleichen Kommunikationsprozess noch sozial geächtet, weil die, dem Wesen nach „falsche“, weil nicht ganzheitliche Kommunikation, instinktiv Aggressionen schürt. Obwohl sie die Wahrheitsfindung als Ziel vorgibt, erkennt der Zuhörer schnell, dass es um das Recht behalten an sich geht und nicht um ganzheitliche Kommunikation.

Übersicht der Grundelemente verbal / nonverbal

In der rhetorischen Anwendung der Elemente menschlicher Kommunikation hilft die folgende Sekundärübersicht eines Kommunikationsdozenten aus Berlin, der erstmals 1997 sämtliche (außer paranormalen) Formen eines möglichen Ausdrucks im Gesamtzusammenhang zueinander dargestellt hat und im Bezug auf die Einflussnahme auf das Gegenüber („Kommunikative Direktion“) sowie Paul Watzlawicks Arbeit in seriell hierarchischer Form grafisch anordnet: [1]

Zitate

  • „Rhetorik ist der Ausgang des Menschen aus gesellschaftlicher Sprachlosigkeit“ (Joachim Knape)
  • „Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende– und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen.“ (Mark Twain)
  • „Die Redekunst ist die allerumfassendste Kunst.“ (Aurelius Augustinus)
  • „Daher ist es erforderlich, Kunstfertigkeit anzuwenden, ohne dass man es merkt, und die Rede nicht als verfertigt, sondern als natürlich erscheinen zu lassen – dies nämlich macht sie glaubwürdig.“ (Aristoteles)
  • „Beherrsche die Sache, dann folgen auch die Worte - rem tene, verba sequentur.„ (Cato der Ältere, 234–149 v. Chr.)

Weitere Rhetoriker

Siehe auch

Literatur

  • Göttert, Karl-Heinz: Einführung in die Rhetorik. München 1998. ISBN 3825215997
  • Herrmann, Paul: Reden wie ein Profi. Rhetorik für den Alltag. München, Orbis 1991. ISBN 3-572-00543-4
  • Lausberg, Heinrich: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft, 3. Aufl., Stuttgart 1990.
  • Plett, Heinrich F.: Einführung in die rhetorische Textanalyse, 9., aktualis. u. erw. Aufl., Hamburg 1991. ISBN 3-87548-246-8
  • Ueding, Gert: Einführung in die Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode, Stuttgart 1976.
  • Ueding, Gert, Bernd Steinbrink: Grundriß der Rhetorik. Metzler, 1994. ISBN 3476012360

Weblinks

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