Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet

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Unter dem Titel „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ wurde eine Rede Friedrich Schillers veröffentlicht, die er am 26. Juni 1784 vor der kurpfälzischen „Deutschen Gesellschaft“ gehalten hatte und in der er sich die Leitfrage stellte: „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“

Schiller war im Januar 1784 in die „Deutsche Gesellschaft“ aufgenommen worden, einem Kreis ehrbarer Bürger und Adliger, die sich um eine Verbesserung der Sitten und eine Reinigung der deutschen Sprache bemühten. Schiller, dessen Stellung am Mannheimer Theater im Sommer 1784 immer zweifelhafter zu werden begann, rechnete sich Chancen aus, Sekretär dieser Gesellschaft zu werden und somit eine einträgliche Nebenbeschäftigung zu erlangen, durch die er auch dem Theater nützen könnte. Vor diesem Hintergrund suchte er die Herren der deutschen Gesellschaft, sämtlich Theaterbesucher aus reiner Kurzweil, von der enormen Wirkungsmächtigkeit einer gut stehenden Schaubühne zu überzeugen.

Inhalt

In seiner Rede stellt Schiller zu diesem Zweck drei übergeordnete Behauptungen auf.

  • Eine Schaubühne ist eine moralische Anstalt und eine Schule praktischer Weisheit.

Der sittliche Einfluss der Bühne erzieht und belehrt den Menschen durch die Vorführung der mannigfaltigen menschlichen Tugenden, Torheiten, Leiden und Laster, sie “schützt sein Herz gegen Schwächen” und belohnt ihn “mit einem herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung”, “Menschlichkeit und Duldung“.

  • Eine Schaubühne ist eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung.

Neben ihrer Funktion der sittlichen Bildung der Menschen ist die Schaubühne auch Werkzeug “höherer Pläne”. Sie ist der “gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden Teil des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt”, von ihrer Kanzel aus ließen sich “die Meinungen der Nation über Regierung und Regenten zurechtweisen”. “Weil sie das ganze Gebiet des menschlichen Lebens durchwandert, alle Situationen des Lebens erschöpft und in alle Winkel des Herzens hinunterleuchtet; weil sie alle Stände und Klassen in sich vereinigt” könnte die Schaubühne die Länder des Reiches zu einer (Kultur-) Nation vereinigen.

  • Eine Schaubühne ist eine ästhetische Anstalt.

Da die menschliche Natur es nicht erträgt “ununterbrochen auf der Folter der Geschäfte zu liegen”, verlangt sie, “ gleich unfähig länger im Zustande des Tieres fortzudauern als die feineren Arbeiten des Verstandes fortzusetzen”, nach einem mittleren Zustand, der die tierische mit der geistigen Natur verbindet und “den wechselweisen Übergang eines Zustandes in den anderen” erleichtert. Diesen Nutzen leistet nun der ästhetische Sinn für das Schöne im Allgemeinen und die Schaubühne im Besonderen. Sie ist es, die “jeder Seelenkraft Nahrung gibt, ohne eine einzige zu überspannen, [die] die Bildung des Verstandes und des Herzens mit der edelsten Unterhaltung vereinigt” und die Menschen “durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geschlecht wieder auflöst”. Sie ist es, die den Menschen fühlen lässt, wie es ist “ein Mensch zu sein”.


Schillers Hang zum Vergrößern, seine Neigung zur Übertreibung, zur Abschweifung in ein fernes Ideal lässt erkennen, wie sehr dem jungen Dramatiker daran gelegen war, die Herren der Gesellschaft für das Theater zu gewinnen. Rüdiger Safranski äußert in diesem Zusammenhang mit sanfter Ironie:

“Schiller empfiehlt den seriösen Herren von der “Deutschen Gesellschaft” die Kunst als ultimative Lockerungsübung; sie sollen, so spricht er sie mit einer enthusiastischen Schlusswendung an, “jede Fessel der Künstelei und der Mode” abwerfen, sich dem Drang des alltäglichen Geschicks entwinden und spüren, wie sie im Spiel durch eine “allwebende Sympathie verbrüdert” sind. Es fehlt nur noch, dass er sie auffordert vorzutreten, sich an den Händen zu fassen und den großen Reigen zu tanzen.”

Seine Zuhörer ließen sich von der enthusiastischen Rede Schillers allerdings wenig beeindrucken. Es kam zu keiner Zusammenarbeit der Gesellschaft mit dem Mannheimer Theater. Ebenso wenig wurde Schiller eine Sekretärenstelle angeboten.

Literatur

  • Rüdiger Safranski: Friedrich Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Hanser, München 2004 ISBN 3-446-20548-9 (Biografie)
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